In den letzten Monaten habe ich mich intensiv mit der Begriffswelt und methodischen Implikationen der Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) befasst, und wie diese fรผr die hochschul- und digitalisierungsbezogene Bildungsforschung angewendet werden kรถnnen. Das Interessante an der ANT ist aus meiner Sicht, dass sich „Standardprobleme“ in der Praxis und Forschung zu Bildungstechnologien, Mediendidaktik und angrenzenden Bereichen in einem neuen Licht darstellen lassen. Das, was von der ANT in der Regel hรคngenbleibt, ist ja die Ausweitung des „Akteur“-Begriffs auf nicht-menschliche Entitรคten. Bruno Latour hat dies anhand von Bremsschwellen auf der Straรe, Hotelschlรผsselanhรคngern und Drehtรผren beschrieben, Michael Callon hat in seiner Analyse den nordatlantischen Kammmuscheln zu bleibendem Ruhm in der ANT-Community verholfen. Es ist รผberaus spannend, die Welt „ANTish“ zu betrachten, an jeder Straรenecke, in jedem Laden, in jeder Hochschule und in jedem Text lassen sich die Verknรผpfung und Entfaltung von Aktoren beobachten.
ANT und Bildungstechnologie
Fรผr die Beschรคftigung mit Bildungstechnologien bietet sich ANT geradezu an, weil hier die soziotechnischen Verwicklungen besonders augenfรคllig werden. Allerdings steckt in der ANT mehr drin, als nur die Gerรคte, Medientechnologien und technologische Infrastrukturen auf ihre (sozialen) Wirkungsweisen hin zu untersuchen. Aus meiner Sicht liegen die spannenderen Momente darin, die abstrakten Entitรคten, mit denen wir gewohnt sind, zu hantieren, also auch Modelle, Konzepte und Theorien wie „Wissenschaft“, „Lern-Management-System“ oder „Didaktik“ als Netzwerkeffekte zu interpretieren. Und zwar Effekte, die sich nur ergeben kรถnnen, wenn viele Akteure sich auf stabile Verbindungen einigen kรถnnen, was wiederum nur gelingt, wenn gegenstรคndliche, „nicht-soziale“ Entitรคten einbezogen sind. Es geht darum, diesen รbersetzungen nachzuspรผren, die genauso fรผr ein PDF-Skript in Moodle zur Wirkung kommen, wie bei einem ChatBot mit LLM-Anbindung. Dies alles sind keine geheimnisvollen oder auch nur neuen Sichtweisen, schlieรlich sind wir es gewohnt, in einer Bedeutungswelt zu leben, die sich aus Menschen, Dingen und Beziehungen zusammensetzt. Aber es ist ein Weg, die Komplexitรคt der Dinge besser zu erfassen. Dazu fokussiert die ANT, was diese Akteure „machen“: Wann und wie wird das PDF heruntergeladen, ausgedruckt, markiert, kopiert und gespeichert? Wird es mit einer Volltextsuche bearbeitet? Ist das mit diesem PDF mรถglich? Was „macht“ das PDF-Skript im Lehr-Lern-Setting?
ANT und generische KI
ANT will diese Bewegungen und Transformationen von Dingen und Akteur*innen nachverfolgen. Auf die generische KI รผbertragen, bedeutet diese Sichtweise bspw. das „das LLM“, „die genAI“ gar nicht vollstรคndig beschrieben werden kann, wenn die vielen Interaktionen nicht nachverfolgt werden, in denen unser Begriff der genAI sich รผberhaupt erst etabliert. Die Rollenmodelle („Werkzeug oder Partnerin“) die zur Zeit in Bezug auf die genAI diskutiert werden, sind spekulativ und treffen – wie sich die meisten Autorinnen eingestehen – die Praxis nur zum Teil, weil sie sich dort vermischen, in unterschiedlichen Settings und mit unterschiedlichen Anwendungen stattfinden, die sich bunt abwechseln kรถnnen. Der ChatBot macht etwas mit den Nutzer*innen, spiegelt ihre eigene Rollenvorstellung und verรคndert diese, ist ein fluider Aktor zwischen anderen fluiden Aktoren1 . Daher, und das ist die schlechte Nachricht, eignet sich ANT wenig dafรผr, Zukรผnfte zu entwerfen und sehr viel besser, Vorgรคnge ex post zu beschreiben. Aber sie ist gut dafรผr geeignet, die Vorgรคnge und Entitรคten zu analysieren und kann daher Hinweise darauf geben, wie sich Dinge nicht entwickeln kรถnnen.
ANT liefert ergรคnzende Einsichten
ANT ist keine „neue Theorie“. Wer praxeologisch, diskurstheoretisch, systemtheoretisch, sozialkonstruktivistisch oder historisch-materialistisch denkt, braucht hier keine Konkurrenz zu vermuten (obwohl Bruno Latour รคuรerst kritisch gegen die zeitgenรถssische Soziologie argumentierteโฆ). Sie sollte eher als eine Methode betrachtet werden, die Realitรคt ergรคnzend zu beschreiben. Wer sich aber darauf einlรคsst, kann mit neuen und รผberraschenden Einsichten belohnt werden. In meinem Blogpost hatte ich beschrieben, warum und wie ich zur ANT gekommen bin. Jetzt mรถchte ich verรถffentlichen, welche Eckpunkte ich fรผr meine Arbeiten mit der ANT formuliert habe. Es ist eine recht รผberschaubare Liste mit Grundsรคtzen, die sich viel, viel weiter ausdifferenzieren und mit Querverweisen versehen lieรe. Aber sie sollte geeignet sein, als Orientierung und methodische Hinweisgeberin zu dienen.
Grundsรคtze der ANT
Kennzeichnend fรผr die ANT sind eine Reihe von Grundsรคtzen, die ich mir folgendermaรen zusammengefasst habe:
- Soziale Phรคnomene entstehen aus einer Assoziation gleichberechtigter Akteure. ANT verfolgt ein Verstรคndnis, das sowohl menschliche als auch nicht-menschliche Akteure als gleichberechtigte (โsymmetrischeโ) Elemente eines Wirkungszusammenhangs betrachtet. Alle Akteure (im Folgenden werde ich von โAktorenโ sprechen2 ) sind, unabhรคngig von ihrer Natur, an der Konstitution und Stabilisierung eines sozialen Phรคnomens beteiligt und mรผssen gleichwertig in der Analyse berรผcksichtigt werden.
- Nicht-menschliche Aktoren sind vielfรคltig. Nicht-menschliche Aktoren kรถnnen Technologien, Gerรคte, Artefakte, Tiere, Systeme, Theorien, Modelle usw. sein. Entscheidend fรผr den Aktor-Status in einem konkreten Zusammenhang ist, dass das betreffende Element โeinen Unterschied machtโ, also auf andere Aktoren und den Zusammenhang einwirkt. Das gilt im รbrigen entsprechend auch fรผr Menschen.
- Jeder Aktor ist ein Netzwerk und umgekehrt. Jeder Aktor kann als
Teil einesZusammenhang von Aktoren (โNetzwerkโ) interpretiert werden. Jedes Netzwerk kann entsprechend als ein Aktor interpretiert werden. Es kann also generell auch von einem โAktoren-Netzwerkโ (actor-network) gesprochen werden.
- Ein Aktoren-Netzwerk kann als Blackbox auftreten. Ein konkretes Aktoren-Netzwerk kann als โBlackboxโ betrachtet werden, wenn es eine stabile, prognostizierbare Funktion erfรผllt. Die innere Struktur der Blackbox interessiert nicht, solange die Funktion erfรผllt wird.
- Die Welt der Aktoren ist flach. Im Netzwerk der Aktoren ergeben sich Kategorien und Hierarchisierungen nicht von selbst. Der Weg vom individuellen Aktor hin zu Ontologien, Kategorien, Systemen oder zu anderen Abstraktionen fรผhrt รผber einzelne Schritte, Objektivierungen oder Teil-Handlungen, die nachvollzogen werden kรถnnen.
- Folgt den Aktoren! Das epistemische Herangehen der ANT besteht darin, Aktoren zu identifizieren und nachzuverfolgen, wie sich deren Wirkungszusammenhรคnge entfalten, das heiรt, wie diese mit anderen Aktoren verknรผpft sind und was zwischen ihnen geschieht. Das Netzwerk ist die Bewegungs- und Darstellungsform dieser Zusammenhรคnge und โnicht die Sache selbstโ (Latour, 2010, S. 228).
- Stabilitรคt ist die Ausnahme. Die Welt der Aktor-Netzwerke ist in Bewegung. Aktoren erhalten ihre eigene Identitรคt und Stabilitรคt, indem sie im Zusammenwirken mit anderen Aktoren ein stabiles Ganzes erzeugen und aufrechterhalten. Dieser Prozess kommt nicht zur Ruhe, sondern nur zu einem dynamischen Gleichgewicht, das kontinuierliche Aktivitรคt erfordert.
Let’s talk ANT!
Literaturverzeichnis
- Belliger, A., Krieger, D., Herber, E., & Waba, S. (2013). Die Akteur-Netzwerk-Theorie. In M. Ebner & S. Schรถn (Hrsg.), L3T.
- Belliger, A., & Krieger, D. J. (2006). Einfรผhrung in die Akteur-Netzwerk-Theorie. In A. Belliger & D. J. Krieger (Hrsg.), ANThology: Ein einfรผhrendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie (S. 13โ50). Transcript-Verl.
- Callon, M. (1984). Some Elements of a Sociology of Translation: Domestication of the Scallops and the Fishermen of St Brieuc Bay. The Sociological Review, 32(1_suppl), 196โ233. https://doi.org/10.1111/j.1467-954X.1984.tb00113.x
- Callon, M. (2006). Einige Elemente einer Soziologie der รbersetzung: Die Domestikation der Kammmuscheln und der Fischer der St. Brieuc-Bucht. In A. Belliger & D. J. Krieger (Hrsg.), ANThology: Ein einfรผhrendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie (S. 135โ174). Transcript-Verl.
- Dimai, B. (2012). Innovation macht Schule. Eine Analyse aus der Perspektive der Akteur-Netzwerk Theorie. VS Verlag fรผr Sozialwissenschaften. https://doi.org/10.1007/978-3-531-94364-0
- Fenwick, T. J., & Edwards, R. (Hrsg.). (2012). Researching education through actor-network theory. Wiley – Blackwell; Kindle.
- Latour, B. (2006). Technik ist stabilisierte Gesellschaft. In A. Belliger & D. J. Krieger (Hrsg.), ANThology: Ein einfรผhrendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie (S. 369โ398). Transcript-Verl.
- Latour, B. (2010). Eine neue Soziologie fรผr eine neue Gesellschaft: Einfรผhrung in die Akteur-Netzwerk-Theorie (G. Roรler, Hrsg.). Suhrkamp.
- Niemeyer, J., Tillmann, A., & Eichhorn, M. (2019). Digitalisierungsprozesse an Hochschulen โ der Blick der Akteur-Netzwerk-Theorie. In N. Pinkwart, J. Konert, & Gesellschaft fรผr Informatik (Hrsg.), DeLFI 2019 (S. 85โ90). DeLFI, Bonn. Gesellschaft fรผr Informatik e. V. (GI).
- Reckwitz, A. (2014). Die Materialisierung der Kultur. In F. Elias, A. Franz, H. Murmann, & U. W. Weiser (Hrsg.), Praxeologie (S. 13โ28). De Gruyter. https://doi.org/10.1515/9783110370188.13
- Rรถhl, T. (2015). Auffordern. Postphรคnomenologische รberlegungen zur Materialitรคt schulischen Unterrichtens. In T. Alkemeyer, H. Kalthoff, & M. Rieger-Ladich (Hrsg.), Bildungspraxis (S. 233โ260). Velbrรผck Wissenschaft. https://doi.org/10.5771/9783845277349-233
- Schimank, U. (2007). Handeln und Strukturen: Einfรผhrung in die akteurtheoretische Soziologie. Juventa-Verl. https://opac.ub.uni-potsdam.de:443/DB=1/PPNSET?PPN=521362741
- Schulz-Schaeffer, I. (2012). Akteur-Netzwerk-Theorie: Zur Ko-Konstitution von Gesellschaft, Natur und Technik. In J. Weyer (Hrsg.), Soziale Netzwerke (S. 275โ300). Oldenbourg Wissenschaftsverlag. https://doi.org/10.1524/9783486709667.275
- Allerdings scheinen mir die vielen Ansรคtze der Human-AI-Hybrids/Mensch-Maschinen-Hybriden vielfach in diese Richtung zu gehen, d.h. sehen keine zwei Entitรคten, die irgendwie zusammenkommen, sondern bereits eine dritte Entitรคt am entstehen [↩]
- In der Literatur zur Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) werden die Begriffe โAkteurโ und โAktantโ unterschiedlich verwendet. In den frรผhen ANT-Texten umfasst der Begriff โAkteurโ meist sowohl menschliche als auch nicht-menschliche Beteiligte. Spรคter wurde der Begriff โAktantโ eingefรผhrt und in einigen Publikationen spezifisch fรผr nicht-menschliche Entitรคten verwendet. Um die Begriffsverwirrung zu verringern und die Bedeutung des โANT-Akteursโ von dessen Nutzung in der akteurtheoretischen Soziologie (Schimank 2007) eindeutig abzugrenzen, verwende ich den Begriff โAktorโ (englisch: โactorโ) und spreche von โAkteur*innenโ, wenn ausschlieรlich menschliche Beteiligte gemeint sind. [↩]
