Die indische Hochschullandschaft verรคndert sich sehr dynamisch. Vor dem programmatischen Hintergrund der „National Education Policy 2020“ werden Reformen in Angriff genommen, die an die europรคische Bologna-Reform erinnern aber im 21. Jahrhundert formuliert werden. Diese betreffen Struktur der Studiengรคnge, zentrale Anerkennung von Credit-Points, Qualitรคtssicherung und Akkreditierung, Internationalisierung, Gestaltung der Lehre. In nahezu allen Bereichen werden Reformvorhaben von der Zentralregierung und in den Bundesstaaten angestoรen.
Die Ziele sind ambitioniert: Substanzielle Ausweitung der Studierendenquote (von jetzt ca. 30% auf 50% bis 2035), entsprechende Erweiterung und Modernisierung der Hochschuleinrichtungen, inhaltliche Anpassung an die Anforderungen der Wissensgesellschaft und internationale Anerkennung. Und dies ausgehend von einem – darin sind sich alle Akteur*innen partei- und richtungsรผbergreifend einig – unbefriedigendem Ausgangsniveau. In den Reformprozessen werden Fortschritte und Rรผckschlรคge verzeichnet und es wird teils heftig gestritten. In vielen Bereichen zeigt sich immer wieder, wie herausfordernd die gestellten Aufgaben sind. Ein Beispiel ist das System der Akkreditierung von Studiengรคngen und Institutionen.
Akkreditierung in Indien: Weniger Beteiligung als gewรผnscht
Die Akkreditierung von Studiengรคngen und Einrichtungen erfolgt in Indien auf freiwilliger Basis, das verliehene Gรผtesiegel soll fรผr die notwendige Motivation sorgen. Zustรคndig fรผr Akkreditierung von Studienprogrammen im technischen und Anwendungsbereich ist das National Board of Accreditation (NBA). Wie kรผrzlich vermeldet, sind jedoch nur 15% der Studiengรคnge durch das NBA akkreditiert.
Zustรคndig fรผr die ebenfalls freiwillige Akkreditierung von Hochschulen und affiliierten Colleges ist hingegen das National Assessment and Accreditation Council (NAAC). Laut Angaben der Regierung waren per 31.01.2023 von den 1.113 Universitรคten 418 NAAC-akkreditiert, von den 43.796 Colleges nur 9.062, zitiert im Indian Express.
Insgesamt ist das Akkreditierungssystem fรผr Hochschulen in Indien recht uneinheitlich, wie The Print beschreibt:
„Currently, there are multiple agencies for the accreditation of institutions. Apart from the UGC, which grants recognition to institutions, there is NAAC, which does assessment and a graded accreditation of HEIs at the institution level, over 5-year periods. The NBA does binary accreditation of programmes in technical disciplines for either 6-year or 3-year periods. The AICTE [All India Council for Technical Education] does the mandatory annual approval of all programmes/courses in technical educational institutions etc. The IITs conduct their own internal peer review, which does not involve any of these agencies.“
The Print – 22.05.2023 – Bring IITs under planned โsingle-window regulatorโ for higher education, end internal review โ govt panel
Nationale Akkreditierungsagentur in Schwierigkeiten
Die nationale Agentur NAAC befindet sich รผberdies zurzeit in groรen Schwierigkeiten. Am 03.03. wurde vermeldet, dass der bisherige Vorsitzende des Exekutivausschuss, BHUSHAN PATWARDHAN, am 26.02. seinen Rรผcktritt nach nur einem Jahr auf dem Posten angedroht hatte. Die Begrรผndung war, dass seiner Forderung an die University Grant Commission (UGC), einen Ausschuss einzusetzen, der Irregularitรคten im NAAC untersuchen soll, nicht nachgekommen wurde. BHUSHAN sieht Handlungsbedarf aufgrund von „vested interests, [and] malpractices“, die angeblich dazu fรผhren, dass Hochschulen „questionable grades“ in der Akkreditierung erhielten. Es gรคbe Unregelmรครigkeiten wie die intransparente, zufรคllige Auswahl von Gutachter*innen oder eine korrumpierte Datenbank mit ungeregelten Zugangsberechtigungen. Insgesamt wird dem Akkreditierungssystem der NAAC ein denkbar schlechter Zustand und Leumund bescheinigt.
Die Androhung des Rรผcktritts fรผhrte allerdings unerwarteterweise dazu, dass durch den Vorsitzenden der UGC (KUMAR) am 3.3. ein neuer (zusรคtzlicher?) NAAC-Vorsitzender benannt wurde, ohne BHUSHAN, nach dessen eigener Aussage, zuvor zu konsultieren. Der neue Vorsitzende ANIL SAHASRABUDHE versprach inzwischen, alte Fehler zu vermeiden. So soll das IT-Problem sofort angegangen werden. Am 10.03. verbreitete u.a. The Print, dass der รผbergeordnete NAAC-Direktor SC SHARMA das bestehende Akkreditierungssystem der NAAC als insgesamt „robust, transparent und geregelt“ verteidigt. Der frisch eingesetzte Vorsitzende hat gleichwohl eine Reihe von Sofortmaรnahmen eingeleitet, um den grรถbsten Vorwรผrfen zu begegnen. So sollen unter anderem der Zugang zur Datenbank administrativ begrenzt, der Survey unter Studierenden sicherer gemacht, externe Agenturen transparenter und zufรคlliger ausgewรคhlt und die Auswahl der Expert*innen fรผr die Begehungen von manuellen Einflussmรถglichkeiten befreit werden.
Wie kann es weiter gehen? „National Accreditation Commission“
Wie die Zukunft des Qualitรคtsmanagements auch auf nationaler Ebene aussehen kรถnnte, wird zurzeit anlรคsslich der รberarbeitung der Akkreditierungsrichtlinien der Indian Institutes for Technology (IITs) durchgespielt. Die heute 23 IITs nehmen in Indien eine besondere Rolle ein, sie sind direkt dem Bildungsministerium unterstellt, relativ gut ausgestattet und haben ein hohes Maร an Autonomie, z.B. in der Akkreditierung durch interne Peer-Verfahren. IITs sind Transmissionsriemen der nationalen Technologie- und Hochschulpolitik und Innovationsmotoren. Nun sollen die IITs, als Flaggschiffe des indischen Hochschulwesens, unter das einheitlich Akkreditierungs- und Ranking-Portal „ONOD โ One Nation One Data“ gebracht werden. Die Vision, ebenfalls eine Maรnahme der NEP 2020, ist es, anhand eines einheitlichen, technologiegestรผtzten Systems eine datengetriebene, transparente Akkreditierung unter der Obhut eines „National Accreditation Council“ zu schaffen. Das Bildungsministerium hat im November letzten Jahres den Bericht einer Kommission vorgelegt, der den Umbau des Akkreditierungssystems beschreibt und konkrete Umsetzungsschritte formuliert. Die Akkreditierung soll demnach vereinfacht und transparenter gemacht werden. Die Qualitรคtskontrolle soll in Zukunft durch Akkreditierungsinstitutionen abgesichert, auf Hochschultypen abgestimmt und outcome-orientiert stattfinden. Dabei wird immer noch auf Freiwilligkeit gesetzt, aber diese soll mittels „empirischen politischen Nutzen“ stimuliert werden.

Alle URLs in der Reihenfolge, wie diese im Text erscheinen:
03.03.2023 – NAAC executive panel chief wants to quit | India News – Times of India
05.03.2023 – UGC Probe Sought After N Charge Given To Ex-AICTE Chief | Mumbai News – Times of India
10.03.2023 – NAAC Director rejects claims of irregularities in functioning โ ThePrint โ ANIFeed
12.11.2022 – One nation, one data: NAAC Chairman | Mumbai news – Hindustan Times
21.04.2023 – Ministry of Education plans to develop a two-tier accreditation system – Times of India
