Kommentar zu „Falling in love with ChatGPT?“

Michael Siegel und Oliver Janoschka haben im HDF-Blog unlรคngst einen akzentuierten Beitrag zu ChatGPT verรถffentlicht. „Falling in love with ChatGPT? Warum wir soziale Phรคnomene der Mensch-Maschine Interaktion und die Gestaltung von Hochschulen als innovative Lernorte und Blended Universities mit KI neu denken sollten.“ Sie stellen darin, am Beispiel von Interaktionsmรถglichkeiten mit ChatGPT, ihre Sichtweise auf die Mรถglichkeiten der KI dar, die Hochschule hier und heute weiter zu entwickeln. Mit dem hier dokumentierten Kommentar habe ich den Faden aufgenommen und mit meinen รœberlegungen weiter gesponnen. Der Beitrag weist IMHO in die falsche Richtung.


Vielen Dank fรผr Eure Irritation!

Ich halte es thesenartig:

ChatGPT ist ein faszinierendes Tool und die Diskussionen, die es ausgelรถst hat, sind wichtig und lehrreich. Es ist eine unglaublich interessante Zeit!

Ich habe aber den Eindruck, es herrscht Verwirrung zwischen Phรคnomenen, Ursachen und Lรถsungen. Wenn das Phรคnomen auftritt, das ein Gesprรคch mit einem Chatbot als angenehmer und attraktiver empfunden wird als mit einem Menschen, dann stellt sich mir doch eher die Frage, was das รผber die Qualitรคt der Kommunikation von ร„rzt*innen (oder ggf. Lehrenden) aussagt. Der Grund fรผr das schlechte Abschneiden der Menschen kรถnnte zum Beispiel eine effizienzorientierte, bรผrokratische Ausrichtung sein, anstelle einer an humanen Aspekten orientierten.

Der Chatbot macht also zunรคchst mal ein bestehendes Problem deutlich. Er mag dann auch Symptome lindern helfen, aber eben nicht die Ursachen angehen, lenkt vielleicht sogar davon ab. Die eigentliche Frage ist also, wieso sind Hochschulen nicht in der Lage, den „freien und gleichberechtigten“ Dialog zwischen Studierenden und Lehrenden zu gewรคhrleisten? Was hindert daran?

Und natรผrlich: Technologie kann unter bestimmten Bedingungen dabei helfen, Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit zu erhรถhen. Aber diese Bedingungen sind komplex und kรถnnen auch so sein, dass neue Ungerechtigkeiten entstehen und die alten stabilisiert werden. Wird es versรคumt, das permanent im Blick zu behalten, ist dann nicht die Gefahr groรŸ, dass die neuen Technologien nur die alten Ungleichheiten reproduzieren?

Zum Beispiel: Gerade die eingeforderte gerechte Zugรคnglichkeit der Werkzeuge und die notwendigen objektiven und subjektiven Ressourcen, um diese gut zu nutzen, werden absehbar NICHT realisiert werden kรถnnen. Unter den Bedingungen der kommerziellen Verwertung der Nutzer*innendaten entstehen die armen „Free Plan“-Nutzerinnen und die priveligierte „Plus Plan“-Nutzer*innen. Die Versuchung wird daher groรŸ sein, diese „Randbedingung“ wg. Alternativlosigkeit stillschweigend zu akzeptieren.

ChatGPT / AI konturiert die Problemlagen an den Hochschulen neu und schafft neue Mรถglichkeiten, die wir ja gerade ausloten. Aber die Diskussion ist, so meine ich, noch zu wenig mit den benannten Problemlagen verbunden und es ist m.E. daher zu schnell gedacht, das diese Tools dafรผr Lรถsungen bereit stellen. Damit gerรคt die Diskussion in eine ungute Nรคhe zu solutionistischen Haltungen. Zumindest wird damit unwahrscheinlicher, dass aus der jetzigen, guten Diskussion transformative Impulse entstehen kรถnnen.

In die richtige Richtung gehen meiner Meinung nach die Ansรคtze, eine wirklich „soziale“, d.h. gemeinschaftliche, transparente, im gesellschaftlichen Raum verortete und angewendete KI zu betreiben, die dabei unterstรผtzen kann, soziale Beziehungen zu stรคrken.

Beitragsfoto von Kelly Sikkema auf Unsplash

2 thoughts on “I failing to love ChatGPT

  1. My 2 cents:

    Ich kann dieser Richtung bislang auch wenig abgewinnen; mit einem Chatbot zu interagieren, weil ich die Interaktionsqualitรคt dort besser finde (wenn dem so wรคre)…reizt mich noch nicht einmal. Ich will (immer wieder) Grรผnde hinter den Interaktionen (hermeneutisch) verstehen oder zumindest versuchen zu verstehen, warum die Kommunikation scheitert.

    Ich erinnere mich an eine schรถne Keynote auf der GMW16 von Ulrike Lucke zu Gefรผhle und Computer, die vielleicht in dem Kontext auch wichtig wรคre https://timovantreeck.de/tagungsrundumschlag-rueckblicke-auf-doss16-jfmh16-gmw16-ein-bisserl-zu-dghd16-dghd17 bzw. direkt: https://youtu.be/VNQZD2RZpB0

    Die Frage, wie KI blinde Flecken aufzeigen kann, kรถnnte ggf. interessant sein, habe ich aber noch nicht weiter verfolgen kรถnnen: https://twitter.com/livia_roessler/status/1635987611431890944

    Immer wieder scheint mir die Diskussion zu sehr auf den Ist-Zustand von Hochschulbildung abzuzielen, anstatt einen Soll-Zustand (und sei es als ein theoretisches Ziel) zum Gegenstand der Weiterentwicklung / angepriesenen Transformation zu machen.

    In jedem Fall: Danke, Jรถrg.

  2. Lieber Jรถrg,
    danke fรผr den รผberaus spannenden, zeitgemรครŸen und zur Diskussion anregenden Beitrag. Ich teile durchaus den Grundtenor, dass wir genauer hinzusehen sollten, wenn es um die MMK [HCI] mit der KI [AI] geht. Allerdings lese ich in Deiner Argumentation auch zwischen den Zeilen das Argument, dass die MMK an sich die wertvollere Form ist weil … ja warum eigentlich? Dies bleibt im Dunkeln. Insofern mรถchte ich an dieser Stelle auf die Ergebnisse empirisch-psychologischer Forschung (die รผbrigens gar nicht so neu ist) hinsichtlich mediengestรผtzter Kommunikation und Medienrezeption verweisen. Aus dieser Forschung ist gut bekannt, dass diese mediengestรผtzten Kommunikations- (oder teils eben auch Interaktions-) Formen psychologisch gut funktionieren, weil sie unsere Bedรผrfnisse passgenau bedienen, sei es in Form einer parasozialen Interaktion oder eben auch einer durch Computer vermittelten Kommunikation. Dies ist aber keinerlei Hinweis darauf, dass diese ein dysfunktionaler Ersatz sind. Vielmehr erfรผllen diese im tรคglichen Miteinander einer Mediengesellschaft wichtige Funktionen fรผr das soziale Zusammengehen โ€“ und stellen jetzt eben auch (und das scheint wirklich neu) hybride Welten fรผr das Zusammenleben mit den auf Kรผnstlicher Intelligenz basierten Mediensystemen bereit. Und wรคhrend ich dies schreibe sehe ich aus dem Flugzeugfenster die in immer neuen Wellen auftauchenden Lichter von Guangzhou und bin wie immer bei derartigen Ausblicken verwundert รผber den globalen Einfluss von uns Menschen โ€“ hier wird der Begriff des Anthropozรคn fรผr mich sehr konkret. Zurรผck zum Thema: die Technologiebasiertheit unseres Zusammenlebens lรคsst sich nicht auf ChatGPT und KI also die virtuell-mediale Dimension reduzieren. Vielmehr handelt es sich dabei um die Grundlage einer ganzen Epoche menschlicher Existenz. Diese vielfรคltigen Technologien (Telekommunikation, Verkehrssysteme, Siedlungen) verbinden uns als Menschen untereinander, aber auch mit den Maschinen um und zwischen uns.
    Herzlich Thomas

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