Das Präsenz-Gen in der Hochschullehre

Bedingt durch die erzwungene Nicht-Präsenz ist seit dem Frühjahr Jahr 2020 die Präsenzlehre Thema. Für die Jahreskonferenz der GMW 2021 „Bildung in der digitalen Transformation“ wurde ein Beitrag von mir angenommen und ich dürfte diesen in einem Vortrag am 21.10. vorstellen. Den Vortrag und die Kerngedanken möchte ich auch hier vorstellen.

Nachtrag zum Vortrag eines Beitrags zur GMW 2021

Bedingt durch die erzwungene Nicht-Präsenz ist seit dem Frühjahr Jahr 2020 die Präsenzlehre Thema. Durch die auf „das Digitale“ reduzierte Lehrwirklichkeit ist sie als Leerstelle permanent anwesend und wird als Teil der „DNA of Higher Education“ (Christensen & Eyring, 20111Eyring, H., & Christensen, C. (2011). The Innovative University: Changing the DNA of Higher Education. Retrieved from http://www.acenet.edu/AM/Template.cfm?Section=Programs_and_Services&TEMPLATE=/CM/ContentDisplay.cfm&CONTENTID=40357) empfunden, als konstitutiv für die Kultur, das Selbstverständnis und das Funktionieren der Universität und der Universitätslehre. Es zeigt sich aber, dass diese scheinbar selbstverständliche Abgrenzung der Präsenzlehre von der Online-Lehre nicht leicht fassbar ist. Es stellt sich daher die Frage, was ist in den Diskussionen der letzten Monate genau gemeint wenn von „Präsenzlehre“ gesprochen wird? Für die Jahreskonferenz der GMW 2021 „Bildung in der digitalen Transformation“ wurde ein Beitrag von mir angenommen und ich dürfte diesen in einem Vortrag am 21.10. vorstellen. Den Vortrag und die Kerngedanken möchte ich auch hier vorstellen.

Kippfigur Präsenz-Online

Der Ausgangspunkt war die Frontstellung in die Präsenzlehre gegenüber der digitalen Lehre im Zuge der Pandemie gebracht wird. Dazu hatte ich insbesondere die prominenten Diskurse näher angeschaut, also die Äußerungen und Diskussionen von Akteuren die weitgehend in der Öffentlichkeit, insbesondere in Publikumszeitschriften und Online-Portalen stattgefunden hat. Interessant ist die Tatsache, dass die digitale Lehre (im Corona-Fall speziell die „Online-Lehre“), wenn sie in diesem Diskurs fokussiert wird, immer als Negativbild der Präsenzlehre beschrieben wird, „Digitale Lehre kann nicht…“ ist die häufige Argumentationsfigur. Auf der anderen Seite werden die Kriterien für gute digitale Lehre (soziale Beziehung, Interaktion, Austausch …) aus der analogen Welt entliehen und hier könnten sich die Standpunkte treffen, was aber unterbleibt. So entsteht eine Kippfigur, die es unmöglich macht, beide Figuren gleichzeitig zu sehen, sondern die unsere Wahrnehmung solange zwingt, sich auf eine Deutung festzulegen, bis wir die Gestalt als Kippfigur erkennen.

Präsenz ist einfach dabei

Die zweite „Entdeckung“ war, dass diese Argumentationsfigur a) nicht neu ist und b) nur mittelbar mit „digitaler Lehre“ im engeren Sinne zu tun hat. In den letzten 10 Jahre konnte ich vier große Themen finden, in denen „Präsenz“ eine zentrale Rolle spielt: Der MOOC-Hype, die Anwesenheitspflicht in Lehrveranstaltungen, die Einführung von Regelungen für ein E-Learning-Deputat und der selbstkritischer Blick auf das Konzept des „Blended Learning/integrierte Lernens“. In allen vier Themenfeldern finden Zuschreibungen, Differenzierungen und Wertungen statt, die eine bildungsrelevante Qualität der Präsenzlehre untermauern ohne diese je so richtig auszubuchstabieren.


Am (vorläufigen) Ende dieser Analyse hatten sich bei mir die Eindrücke verfestigt:

  • „Präsenzlehre“ ist ein festes, für die Hochschullehre konstitutives Konstrukt, unabhängig vom aktuellen Diskurs. Dabei bewegt sich dieser Diskurs eher in einem Gewebe von Zuschreibungen und Negationen anstelle von Argumenten und Gegenargumenten.
  • Gleichzeitig ist die Präsenzlehre seltsam unterbestimmt und spielt immer dann eine Rolle, wenn sie (vermeintlich) gefährdet ist, „Unverzichtbarkeit“ ist leichter zu argumentieren als die „didaktisch und inhaltlich begründetet Sinngebung von Präsenz“ (Scheidig 20202Scheidig, Falk (2020) Digitale Transformation der Hochschullehre und der Diskurs über Präsenz in Lehrveranstaltungen. In: Bauer, R. et. al. (Hrsg.) (2020). Vom E-Learning zur Digitalisierung.– Mythen, Realitäten, Perspektiven. Münster etc.: Waxmann. Seite 243-259).
  • Die in Hochschul- und Mediendidaktik Tätigen sollten aber auch in Betracht ziehen, dass wir hier „blinde“ (wenigsten trübe) Flecken besitzen. Das Geschehen in der Lehrveranstaltung lässt sich nicht rückstandslos in „Ziel-Inhalt-Methode-Medium“ auflösen. Die in solchen didaktischen Modellen ebenfalls unausgesprochene, historische Verhaftetheit an die leiblich geteilte Lehrsituation ist für die „mediengestützte“ Lehre vielleicht noch zu wenig reflektiert worden.
  • Im guten Sinne ist dies ein gemeinsames Territorium der Lernenden und Lehrenden, ein Gestaltungs- und Spielraum in dem sich ihre Performanz im Zweifelsfall auch ungeregelt, spontan und ergebnisoffen entfalten kann.

Die Diskussion bleibt uns erhalten

Inzwischen wurde mit der Diskussion um die 2-G-Regelung für den Veranstaltungsbesuch ein neues Kapitel in der Präsenzdiskussion aufgeschlagen. Zwischen digitaler Lehre aufgrund juristischer Anordnung und argumentativen Zusammenrücken von Online-Lehre und psychischer Gefährungslage gedeihen ungesunde Verquasungen von digitaler Lehre mit Zwangsmaßnahmen . Auf mittlere Sicht werden aber auch die heraufziehenden Szenarien der Virtual bzw. Augmented Reality und erst recht die Anwendung Künstlicher Intelligenz in der Bildung neue Runden der Präsenzdiskussion anstossen.

Ein Präsenz-Hase

E-Learning in der Normalität?

Anmerkungen zu einer bekannten Schlagzeile

Ich habe inzwischen das Gefühl, auch diese Nachricht habe ich schon mehr als einmal gelesen.
Die Meldung des „Standards“ hatte es diesmal zuerst auf meinen Feedreader geschafft: Unter dem Titel „E-Learning wird zum Alltag“ werden wir aufgeklärt:

Grafik Autobahnschild„Das E-Learning verliert das E und wird ein Alltagsfeature“, ist Erwin Bratengeyer, Leiter des E-Learning Centers an der Donau-Universität Krems überzeugt.“

Ich weiß nicht was der geschätzte Erwin Bratengeyer wirklich gesagt hat, die Botschaft erkenne ich wohl, allein: ‚Learning mit verlorenem E, dass zum Feature des Alltags wird‘ erscheint mir genau die Art von Worthülse, die so sehr nach krampfigem Modernismus klingt, das dies gerade nicht Normalität demonstriert, sondern den Wunsch danach. Aber selbst Bundeskanzlerin Merkel  kennt inzwischen das Wort „E-Learning“, wie Heise.de, tapfer gegen den Duden anschreibend, vermeldete:

„Industrie 4.0, intelligente Netze, Breitband und die Unterstützung in MINT-Fächern durch e-Learning spielen in der künftigen IT-Strategie der Bundesregierung eine wichtige Rolle.“

Schön auch hier die Einschränkung: E-Learning wird keineswegs als Normalität sondern zur „Unterstützung in MINT-Fächern“ erwogen.

 

„Optimale Lernatmosphäre“ – noch nicht normal

Wenn man weiterhin – mehr regionalwirtschaftlich – den Bericht vom Webmontag Berlin (Thema „E-Learning“) parallel zurate zieht, dann wird aus der (zumindest der Berliner) E-Learning-Start-Up-Szene  auch keine „Normalität“ gemeldet,
sondern Handlungsbedarf zur Verbesserung der Bildung (endlich!). Das liest sich so:

Learning should be fun ist das Motto. […] Die Speaker gewährten interessante Visionen auf eine neue Form des Lernens, die vielen traditionell noch als trocken und unpersönlich bekannt ist. Wichtige Erkenntnisse zu einer optimalen Lernatmosphäre finden dabei Berücksichtigung. Man darf also gespannt sein …“

Die Passage gibt einerseits einen realistischen Einblick in die üblichen Verwirrungen zwischen „Lernen“  und „Lehren“ (hier: ‚trocken und unpersönlich‘) und andererseits ein Zeugnis der Überschätzung der Rolle der E-Larning-Akteure (hier: die Herstellung einer  ‚optimalen Lernatmosphäre unter Berücksichtigung wichtiger Erkenntnisse‘). Eigentlich klingen diese Visionen in meinen Ohren aber irgendwie gewohnt-altbacken-modern-immergleich. Wenigsten in dieser Hinsicht scheint alles normal.

 

Brot und Butter

Mehr zur Frage „Was ist Normalität beim E-Learning?“ verraten da schon die die Begründungen für die Preistvergabe des „E-Teaching-Awards 2012“ sowie des „Athene-Preises für Gute Lehre 2012“ der Technischen Universität Darmstadt (in Auszügen):

  • „Dipl.-Psych. Henrik Bellhäuser [da das] wissenschaftlich hervorragend fundierte und auf andere Fachbereiche übertragbares E-Learning-Trainingsprogramm […] wirksam die Selbstregulationskompetenz. [fördert] […]
  • Dr. Guido Rößling [für den] intensiven Einsatz von E-Learning in der Lehre und sein umfassendes und kontinuierlich um Selbstlernelemente erweitertes E-Teaching-Angebot. […]
  • Prof. Dr. Alexander Benlian [mit dem] auf Interaktivität ausgerichteten Blended-Learning-Szenarios, bei dem verschiedene Web 2.0-gestützte E-Learning-Werkzeuge eingesetzt werden […].“

Ich zitiere das, weil diese Begründungen m.E. ein authentisches Bild des normalen E-Learnings (an den deutschen Hochschulen) zeichnet:

  • Die Praxis des E-Learning ist „not-too-fancy“ – es geht (natürlich auch im Kontenxt dieses Preises) um Lehre im engeren Sinn, um das Brot-und-Butter-Geschäft der Lehrenden und der E-Learning-Szenarien in den Hochschulen. Normalität in diesem Sinn ist vor allem die Verlängerung bekannter didaktischer Praxis ins Netz.
  • Es geht immer auch um die gelingende Verbindung von Didaktik und Technik in der Praxis: „Selbstregulation“, „Selbstlernen“ und „Interaktivität“ sind keine technischen Kategorien. JedeR einzelne der PreisträgerInnen hat für sich diese zwei Dimensionen zu einer offenbar gangbaren Praxis vermittelt. Normalität in diesem Sinn ist immer auch ein kreativer Akt der Synthese von Technik, Fachdidaktik, Methdodik und Pädagogik.

Normalität zeigt sich nicht in Überschriften und Schlagzeilen sondern in deren Ausbleiben. PC ist wichtigstes Arbeitsmittel in der Universität wäre wohl keine Meldung wert. Deutlich ist daher, dass sich in solchen Schlagzeilen eher der Wunsch nach Normalität artikuliert, als der behauptete Ist-Zustand. Wenn die Beobachtung von John Naughton „Disruption for the net, is not a bug but a feature“ zutrifft, dann wird sich eine neue Normalität auch im E-Learning dadurch kennzeichnen lassen, dass es sich von Zeit zu Zeit sprunghaft verändert. Wenn allerdings Normalität mit Ubiquität gleichgesetzt wird, dann deutet sich durch die Herausbildung des permanent und überall verfügbaren Internet und der massenhaften Verbreitung der entsprechenden Endgeräte eine neue Qualität der Digitalisierung und Vernetzung auch im Bildungskontext an, der sich um dass Schlagwort Mobile Learning gruppiert (zur Sprachverwirrung siehe oben…)

Vom Tod des Autors / Urhebers / Subjekts. Thomas Assheuer in der ZEIT (Print)

Zeitgleich zu dem Interview mit Christian Spannagel erschien in der ZEIT (3.5.2012 Nr. 19) ein Artikel von Thomas Assheuer zur Debatte um das Urheberrecht, die im Augenblick von den Wahlerfolgen und Programmdebatten der Piraten und der Kampagne „Wir sind die Urheber“ angeheizt wird. Mir hat der Artikel zu zwei Erkenntnissen verholfen:

  • Die Debatte zum (negativem) Verhältnis von Subjekt und Medium ist (natürlich) älter als das Internet. Die digitalen, vernetzten Medien drängen uns vor allem eine neue Sichtweise auf dieses Verhältnis auf und lassen dass, was bisher ungeklärt geblieben ist (bleiben muss), deutlicher hervortreten.
  • Ich selber – mit einem notwendigerweise begrenztem Blickfeld – bin mit meinen Gedanken ein Teil dieses Diskurses ohne das ich es wußte. Das mag nun an der laienhaften Begrenztheit meines wissenschaftlichen Horizonts liegen oder am unausweichlichen Schicksal eines Professionellen, die immer auch eine Begrenzung des Horizonts bedeutet.

Was schreibt nun Thomas Assheuer? Es geht, so Assheuer um nicht weniger als das „Leben und Sterben des Urhebers in der digitalen Welt“. Dabei referiert er die geistesgeschichtliche Debatte der 70er und zitiert die These „Was der Alteuropäer einen ‚Urheber‘ nenne, das sei in Wirklichkeit bloß ein winziger ‚Knoten‘ im Flechtwerk von Texten, Zeichen und Diskursen.“. Diese Geisteshaltung werde nun, unter den Bedingungen der digitalen Gesellschaft von z.B. den Piraten zugespitzt:

„Wer in der schier unerschöpflichen Lava aus Texten, Tönen und Bildern noch nach dem klassischen Urheber sucht, der sucht ihn vergeblich. Der ‚alte‘ Urheber, das Originalgenie des Abendlandes, wird von den digitalen Strömen verschluckt; im Netz sind Individuum und Gemeinschaft kaum mehr zu unterscheiden. Alles fließt, und alle sind alles gleichzeitig: Die User, sagen die Piraten, sind Produzenten und Konsumenten, sie sind Verteiler und Vervielfacher. Das Betriebsgeheimnis des Netzes ist die Kopie.“ 

Assheuer sieht darin die Forführung der „philosophischen Großdebatte“ um die „Macht und die Herrlichkeit des Subjekts“, die aus der Aufklärung erwachsen und über Nietzsche, Heidegger, Jünger, Gadamer schließlich bei Friedlich Kittler zur prekären Situation des „starken Subjekts der Moderne“ führte, dass im „Strom des computergenerierten Wissens, [dem] Strom der Codes, der Zeichen und Daten“ seine Substanz verliert. An diese philosophische Rundschau schließt Assheuer anhand eines Zitats
des Berliner Piratenkapitäns Christoph Lauer seine Fundamentalkritik an, die mir zunächst spontan einleuchtet. Den die Piraten, so Assheuer

„erwecken den Eindruck, als sei die Technik an sich schon eine natürliche Wahrheit, ein absolutes Sollen, aus dem heraus sich die Anwendung zwingend ergibt. Warum eigentlich?“

Dieses Argument hat aus meiner Sicht zwei Seiten:

  • Das Argument sticht erst mal, so meine ich, weil es die Option aufmacht, dass Technik – und insbesondere ein großtechnisches System wie das Internet – eben nicht einfach da ist und eine unhinterfragbare Eigenlogik einfach besitzt. Vielmehr wird auch der virtuelle Raum von Menschen gemacht, Menschen die Interessen haben, die Entscheidungen treffen und die insgesamt aus jeweils guten Gründen so oder so Handeln. Wenn das „Medium die Botschaft“ ist, dann sollten wir auch fragen, wer diese Botschaft verfasst hat  und welche Botschaften diese Menschen haben.
  • Das Argument von Assheuer ist andererseits auch hinterfragbar: Und zwar an dem Punkt, an dem es die Freiheit der AutorInnen impliziert, dem empfundenen Zwang der sich ändernden Bedingungen einfach ausweichen zu können. Das scheint mir auch nicht plausibel, denn: Das wir uns in beständiger Auseinandersetzung, Aneignung und Abgrenzung gegenüber der „Anwendung“ von Technik (also der Logik des Werkzeugs) befinden, ist aus meiner Sicht eine zeitlose Frage: Die Dialektik zwischen Menschen und ihren Werkzeugen (und in diesem Sinne auch Medien) beschäftigt seit deren Entwicklung das Denken und wird mit der Verbreitung des Computers als Synonym für die Zuspitzung der „Umkehrung der Schreibrichtung in der Moderne“ (Werner Sesink) interpretiert.

Am Ende des Artikels schwenkt Assheuer dann noch mal auf eine existenzielle Ebene ein. Virtualität hat eine materielle Grundlage: Computer, Betriebssysteme, Strom, Elektroschrott: Auch die Bestandteile eines Chips werden irgendwo und irgendwann aus den natürlichen Resssourcen gekratzt. Und auch die Virtualität findet im dreidimensionalen Raum statt: Dort, wo Menschen mit Computern Arbeiten, Lernen und Leben sind mehr Faktoren am Werk als allein der Code. Wer sich bei der Analyse und bei der Suche nach Handlungsorientierung alleine auf die virtuellen Eigenschaften des Mediums beschränke, der habe

“schlicht vergessen, dass die Menschen noch ein zweites Leben führen, eine Existenz in der analogen und leibhaftigen Wirklichkeit. Sobald sie das Netz verlassen, den täuschenden Schein des Egalitären und die Gleichheit der User, betreten sie das Reale, die soziale Welt der Kämpfe und der Ungleichheit, und dann sind sie wieder Subjekte aus Fleisch und Blut, wie die chinesischen Arbeitssklaven, die in einer modernen Hölle die Computer für Apple und Co zusammenlöten, wenn sie sich nicht gerade aus Verzweiflung vom Fabrikdach gestürzt haben.”

Die Pädagogik hat (schon wieder) das Nachsehen: „Super Nanny“ Katharina Saalfrank wirft hin

Schlimme Nachrichten erreichen uns aus Köln, SPIEGEL ONLINE berichtet:

„In einer internen Mail an RTL-Verantwortliche schreibt Saalfrank, 40, ihre erzieherischen Inhalte seien in diesem Jahr ‚massiv in den Hintergrund‘ gedrängt worden. ‚In meine Arbeit als Fachkraft in diesem Format wurde extrem…und teilweise sogar gegen pädagogische Interessen eingegriffen.‘ Dies sei sicher der ‚Entwicklung des medialen Markts‘ hin zu ‚gescripteter‘, also inszenierter, Realität geschuldet. Das komme für sie nicht mehr in Frage.“

Ich für meinen Teil habe hier doch auch Neues erfahren: Die „Fachkraft“, Frau Saalfrank kann ihre „pädagogischen Interessen“ in einer – Huch – inszenierten Realität nicht mehr angemessen umsetzen. Verwirrend finde ich allerdings die Tatsache, dass diese Distanzierung von inszenierter Realität irgendwie, ja doch auch wieder „inszeniert“ wirkt….. dass soll noch mal einer durchschauen……

Vom Verlust der Übersicht – Die Bildung aus dem Internet verändert die Weltsicht

I, Cawi2001 via Wikimedia Commons

Vor einigen Wochen schon wurde im Deutschlandfunk ein Essay von Robert Schurz zur Transformation des Bildungs- und Wissensbegriff im Internet-Zeitalter gesendet. Den Hinweis darauf hatte ich selber zugesendet bekommen und hatte an dem dichten, anregenden Beitrag wirklich Freude. Der Autor führt uns den sich umwälzenden Zusammenhang von Leitmedium und Wissensformen vor Augen und argumentiert dabei u.a. mit Foucault, Adorno, Deleuze und Guttari, Lévi-Strauss und „Frau Meier“. Am Beispiel des Spezialgebiets „Rotkehlchen“ macht Schurz plastisch, dass die „Internet-Bildung […] der Siegeszug der Marktwirtschaft gegenüber dem humanistischen Bildungsideal“ sei und führt weiter aus, wobei er lässigerweise „Demokratie“ und „Marktwirtschfaft“ gleichsetzt:

„Demokratisch ist das Internet-Wissen […] deshalb, weil praktisch jede Minderheit zu Wort kommt, sofern sie sich an bestimmte Rechtsnormen hält. Ein Lehrbuch hingegen ist hochselektiv: Es tradiert einerseits eine bestimmte kulturelle Ordnung und führt andererseits zu einer Systematik, die einer Logik folgt, welche man die abendländische genannt hat. Gemeint ist damit der hierarchische Wissensaufbau, der vom Allgemeinen zum Besonderen fortschreitet.“

 Allerdings – das machte den Beitrag für mich besonders interessant – führt diese Demokratisierung bei Schurz nicht zum Happy-End, denn mit veränderten Strukturen gehe einher, dass

„Ein seriell strukturiertes Wissen […] die Welt letztlich ohne Zusammenhang erscheinen [lässt]. Die Frage des Faust, die holistisch gestellt ist: Was nämlich die Welt im Innersten
zusammenhält, scheint überflüssig, wenn Information über Alles und Jedes beliebig vorhanden ist. Das Bedürfnis, die Kenntnis der Welt aus wenigen Prinzipien herleiten zu können, wird verschwinden.“

Die Menschen kämen damit in eine Situation, vergleichbar mit Wissens-„Bastlern“, die „das vorhandene Wissen so nehmen, wie es im Netz präsentiert ist“. An dieser Stelle drängten sich mir natürlich die Klagen (unter anderen) der Lehrenden an den Hochschulen ins Bewußtsein, dass die „Internet-Generation“ keinen adäquaten Umgang mit wissenschaftlichem Wissen mehr beherrsche. Schurz könnte hier als Zeuge herangezogen werden, wenn die Frage zur Verhandlung stehen würde, wer und
wie definiert, was „wissenschaftlich adäquates Wissen“ und ein entsprechender Umgang damit sei.
Damit aber nicht genug: Der Machtverlust hierarchich organisierter Wissensstrukturen führe eben auch zur Ohnmacht gegenüber den ‚zuhandenen‘ Wissensstrukturen, die nun durch Code und digitale Infrastrukturen bestimmt seien und man nehme „die Welt, wie sie in den mikroelektronischen Wissensformen repräsentiert ist, als gegeben hin.“

Die medialen Strukturen, so argumentiert Schurz in einer Weise, in der bei mir McLuhan, Baudrillard und symbolischer Interaktionismus plötzlich im Chor anklingen, verändern die „Weltsicht“ und damit „Selbstsicht“ und machen daher vor dem Subjekt nicht halt:

„Die Bildung aus dem Internet verändert den Weltzugang, die Weltsicht. Nun aber definiert jener Weltzugang auch ein bestimmtes Selbstkonzept. Das meint: Wir begreifen uns selbst immer nur in Bezug auf die Umwelt, die uns rückmeldet, wer und wie wir sind. Die Art und Weise nun, wie wir die Welt erfassen, bestimmt nun auch mit über unser Selbstbild. Das Internet als Weltzugang erzeugt dabei eine merkwürdigen Dialektik von Macht und Ohnmacht. Das klassisch-humanistische Bildungssubjekt bemächtigt sich der Welt: Je mehr es weiß, je gebildeter es ist, desto eher ist es in der Lage, seine Umwelt zu beherrschen, – die Natur und auch die soziale Umwelt.“

Mit der ubiquitären Verfügbarkeit von (potentiellem) Wissen aus dem Netz und der Auflösung der traditionellen Definition von wahrhaftigem Wissen aus den Strukturen (fach)wissenschaftlicher Kommunikation , könne nun jeder zum „Spezialisten“ werden, ein Spezialist jedoch, der dem Fachidioten näher stehe, als dem fachkompetent Handelnden:

„Das Bildungssubjekt scheint es angesichts der Überfülle des zerstreuten Wissens aufgegeben zu haben, des Ganzen mächtig zu werden, und begnügt sich mit Details. Aus der Perspektive des Humanismus hat es sich selbst entmündigt und sich zum Fachidioten degradiert, -zwar zu einem multiplen Fachidioten, aber eben zu einem, der jeweils nicht über den Tellerrand hinaus blicken kann.“

Hier trifft der Autor als „der Zeuge der Anklage“ gegen überkommene Wissensbegriffe offenbar aber wieder den humanistisch gestimmten Zeitkritiker in ihm: Ohne Zusamenhang geht es scheinbar nicht – vielleicht ist das ja die eigentliche Botschaft.

Facebook-Nutzer: Die neue „Web Underclass“? – Weiteres zur Ökonomie des Web 2.0

Tim Schlotfeldt hat in seinem Blog auf einen Artikel im Guardian aufmerksam gemacht, in dem Adrian Short  

„sein Unbehagen gegenüber Facebook dargelegt und dabei die Kernpunkte schön zugespitzt formuliert. Nutzer kostenloser Webservices sieht er als „Web Underclass“, denn bei solchen Services ist man schlicht nicht der Kunde sondern man ist das Produkt. Facebooks Produkt sind die Userdaten, verkauft werden diese an die Werbeindustrie.“

Im Original-Artikel liest sich diese Aussage so:

„When you use a free web service you’re the underclass. At best you’re a guest. At worst you’re a beggar, couchsurfing the web and scavenging for crumbs. It’s a cliché but worth repeating: if you’re not paying for it, you’re aren’t the customer, you’re the product. Your individual account is probably worth very little to the service provider, so they’ll have no qualms whatsoever with tinkering with the service or even making radical changes in their interests rather than yours. If you don’t like it you’re welcome to leave. You may well not be able to take your content and data with you, and even if you can, all your URLs will be broken.“

Ich war froh zu lesen, das diese Erkenntnis nicht nur meiner eigenen Wahrnehmung entspricht, sondern sich als Teil eines Diskurses entwickelt, in dem die Nutzung freier Webservice mit sehr viel mehr kritischer Aufmerksamkeit bedacht wird, als bisher.
Aus meiner Sicht kann die Schlussfolgerung nur lauten, dass Social Software als Teil der Angebote von Bildungsinstitutionen begriffen werden sollte, die in Eigenregie und mit den entsprechenden nicht-kommerziellen Hintergrund betrieben werden müssen, um technologische Potentiale wirklich für Bildung zu erschließen. 

Digitale und analoge Medienkompetenz

Zwei Meldungen und ein Gedanke beschäftigen mich im Moment: Es geht um Medienkompetenz, digitale Schreibkompetenz und den aktuelle Aufschwung der Diskussion von „Lesestrategien“ und „Lesetechniken“. 

Da ist einmal die brandheiße Meldung des E-Learning-Expo-Portals, die gerade per Pressemitteilung bekannt geben, dass „Medienkompetenz der Engpass“ sei. Dabei nehmen sie Bezug zum Horizont-Report 2011 und da ich mich nicht entschließen konnte, mir einen frischen Account anzulegen, um dass Themen-Special der Messe zum Thema anzuschauen, habe ich direkt in die deutsche Version des Horizon-Reports 2011 geschaut, welchen das Hamburger Multimediakontor dankenswerterweise übersetzt und verbreitet hat.

Dort ist in der Zusammenfassung auf Seite 4 zu erfahren, dass Medienkompetenz als „Schlüsselqualifikation in jeder Fachdisziplin und Profession immer mehr an Bedeutung [gewinnt]. Diese Herausforderung, die erstmals 2008 festgehalten wurde, wurde von den Beiratsmitgliedern einhellig bestätigt.“ Es bestehe jedoch zwar „breiter Konsens darüber […] dass Medienkompetenz für die heutigen Studierenden lebenswichtig ist“, die Kompetenzen seien aber nicht ausreichend definiert, die Angebote für Studierende kämen zu langsam in Schwung und die „Herausforderung wird dadurch verschärft, dass digitale Technologien sich schneller verändern, als die Lehrplanentwicklung Schritt halten kann.“

Interessant finde ich hier, dass ausschließlich von den Studierenden als Adressaten der Medienkompetenz die Rede ist. Das mag an dem spezifischen Auftrag der Horizon-Beratungsgruppe liegen, könnte aber auch

auf dem klassischen Kurzschluss beruhen, dem viele pädagogische Steuerungsbemühungen unterliegen: Die pädagogische Intervention („Lehrplanentwicklung“) ist gleichbedeutend mit dem angestrebten „Lernen“ der Adressaten, dass jedoch leider von den Lehrenden mangels ausreichender Definition und Planung noch nicht optimal umgesetzt werden könne. Die Relevanz der Medienkompetenz für Studierende ist sicher unstrittig, gehört jedoch auf alle Akteure ausgedehnt: Auch für das E-Teaching (in Sinne von „Online-Lehre“) ist Medienkompetenz, die deutlich über eine „Bedienkompetenz“ hinausgeht, eine Voraussetzung für die Integration und Weiterentwicklung digitaler Medien in der Hochschullehre.

Den anderen Denkanstoss hat mir Stefan Iske unlängst mit einem Hinweis auf einen Artikel in der Medienpädagogik vermittelt, in dem die Erfahrungen von Hochschullehrenden mit E-Mail-Kommunikation aufgearbeitet und interpretiert werden. In dem Artikel gehen die drei AutorInnen davon aus, dass die konkrete Kommunikationspraxis sich nach einem „social identity model“ in und durch Interaktion konstituiert und in kultureller Praxis bestätigt. Sie kommen zu dem Schluss

„Solange jedoch die Referenzformen zu Beginn einer E-Mail-Kommunikation derart unterschiedlich  sind, solange die Erwartungshaltung bzw. die Reaktion  der  Adressat/innen ebenfalls einer heterogenen Praxis unterliegt, solange Normen dann ggf. in einem längeren Prozess innerhalb der jeweiligen digitalen Interaktion erst gemeinsam justiert werden müssen und dabei ohne Öffentlichkeitswirkung bleiben, solange bleibt die E-Mail als Textform wohl ein individualisierender «Selbstläufer»  mit  hohem  Auslegungsreichtum  und  weiterhin  bestehendem  Konfliktpotenzial bezüglich der Erwartungen an eine «gute» Mail.“ (Hoffmann, Keller, Pfeiffer, 2011, „Hallöchen Herr Professor! Überlegungen zur Normierungsproblematik in der E-Mail-Kommunikation am Beispiel des Hochschulkontextes“ in www.medienpaed.com)

Demnach dreht es sich nicht um einen Mangel an „E-Mail-Kompetenz“, sondern um einen Mangel an Abstimmung und Verhandlung in der gemeinsamen Kommunikationspraxis in einem neuen Medium, der zu den Mißverständnissen bzw. Mißstimmungen führt. Auch hier spielt ein Mangel an Definitionen und Klarheit eine Rolle, diesmal jedoch nicht nur auf Seiten der pädagogisch „Handlungsbevollmächtigten“, sondern als diagnostizierter Mangel an notwendigen Abstimmungsprozessen angesichts einer nicht ausreichend definierten Situation bei der Kommunikation mit einem neuen, fremden Medium. Medienkompetenz wird in dieser Sichtweise nicht nur als Defizit auf Seiten der Studierenden beschrieben, sondern als strukturelles Defizit, dass nur in einem Verständigungsprozess zu lösen wäre.

In Gedanken schließt sich daran meine Beobachtung an, dass im Zuge der sorgfältigeren Beachtung und Planung von Studieneingangsphasen an den Hochschulen, Lesetechniken und Lesestrategien verstärkt thematisiert werden. Das freut mich und gibt mir gleichzeitig zu denken. Begrüßenswert finde ich die Thematisierung von Studientechniken, da ich mich an meine eigene Studienzeit erinnere und daran, dass ich einen produktiveren Stil im Umgang mit wissenschaftlicher Literatur erst per glücklichem Zufall bei einem Auslandsaufenthalt kennen lernte. Die Tatsache, dass es vielfältige Möglichkeiten gibt, einen Text zu lesen, insbesondere, dass es erst mal völlig in Ordnung ist, wenn nicht jeder Bezug und jeder Gedankengang verstanden wird (dafür trifft man sich ja im Seminar), war mir schlicht neu und ich hätte von der früheren Kenntnis dieses Lesestils vermutlich profitiert. Was mich nachdenklich macht ist, dass es hier ja auch um eine „Medienkompetenz“ geht, die offensichtlich eine neue Relevanz erhält. In diesem Fall handelt es sich aber weder um ein „neues Medium“ noch gibt es einen Mangel an Definitionen, Methoden oder Techniken zu Lesekompetenzen.

Demnach könnten wir uns zwischen drei Haltungen entscheiden: a) Medienkompetenz kann nicht im gewünschten Maße ausgeweitet werden, weil planerisches und systematisches Wissen und Handeln zu wenig verankert sind. b) Medienkompetenz im Hinblick auf digitale Medien ist noch gar nicht definierbar, weil das notwendige Wissen um die Besonderheiten und Umgangsweisen mit digitalen Medien noch wenig entwickelt ist und stattdessen situativ hergestellt werden muss. Und c) anscheinend ist weder ersteres noch zweiteres ausschlaggebend, da ein Mangel an Kompetenz trotz verfügbaren Wissens und Methodik eintreten kann.

Was wären daraus für Schlussfolgerungen zu ziehen? Meines Erachtens nach bedeutet dies für die Diskussion um „E-Kompetenz“ von Studierenden und Lehrenden an Hochschulen folgendes:

  • Es mangelt nicht an Planung oder Definitionen, um Medienkompetenz bei den Beteiligten weiter zu entwickeln – der schon verlorene Wettlauf mit der technischen Entwicklung unterstreicht das.
  • Die umsichtige, situative und im Modus gleichberechtigter Kommunikation herzustellenden konkreten Handlungsweisen und Selbstverständigungsprozesse stellen die erfolgsversprechenste Art und Weise dar, die empfundene Leerstelle „Medienkompetenz“ zu füllen.
  • Das wird aber auch nichts nützen, wenn es nicht mit der Bemühung einhergeht, Bedingungen und Rahmungen zu schaffen, in denen die Prozesse der Verständigung und gemeinsamen Herstellung von Medienkompetenz in der Hochschule verstetigt werden können, unabhängig von einem spezifischem Medium.