Face (or not) to Face?

An den deutschen Hochschulen hat der Umstieg auf die Online-Lehre überraschend gut funktioniert und die Möglichkeiten der digitalen Lehre sind auch jenseits der Pandemie verstärkt und positiv wahrgenommen worden. Die letzten Wochen zeigen aber, dass in den stürmischen Entwicklungen der Status und die Wahrnehmung digitaler Lehre leidet. Eine kommentierte Chronik.

Die digitale Lehre an den deutschen Hochschulen droht im Corona-Hin-und-Her zu verlieren.

So viel Präsenz wie möglich, nötig „oder hybrid“ (nicht möglich)

Ende Oktober ist der Wille groß, endlich wieder zur Präsenz zurückzukehren. Im Blog von Wiarda äußerte sich HRK-Vizepräsidentin Anja Steinbeck (zurecht) überzeugt davon, dass die Hochschulgemeinschaft zur PräsenzHOCHSCHULE zurückkehren möchte. Der Anforderung nach einer – natürlich – „gut gemachten“ Hybrid-Lehre erteilte sie gleichzeitig eine Absage, mit dem (richtigen) Argument, das der Mehraufwand nicht einfach weiter auf die Lehrenden abgewälzt werden kann (sie formuliert das etwas anders):

„Die letzten drei Semester haben gezeigt, dass das direkte Miteinander im Studium nicht zu ersetzen ist durch digitale Formate. Es gibt den ganz großen Wunsch nach Präsenz, und den werden wir so weit, wie es nur irgend möglich ist, erfüllen. “ […] „Eine richtig gute Online-Lehre besteht nicht darin, dass ich einfach die Vorlesung abfilme, sondern das ist ein ganz anderer didaktischer Ansatz. Der kostet Zeit. Und deshalb halte ich auch nichts davon, wenn manche sagen, man könne das Wintersemester ja doppelt laufen lassen: für die, die wollen, in Präsenz, für die anderen digital. Das ist illusorisch, das ist den Lehrenden wirklich nicht zuzumuten.“

27.10.2021 – „Wir dürfen die Studierenden nicht wieder so allein lassen“ – Jan-Martin Wiarda

Mit der Beginn der vierten Corona-Welle im November verschärfte sich auch der Druck auf die Präsenz in den Hochschulen. Im politischen Hick-Hack um die richtigen Maßnahmen und nach dem tendenziell gelungenen Umstieg in die Online-Lehre im Frühjahr 2020, dacht man auf dieser Ebene wohl, ‚die bekommen das schon hin.‘ Im Endeffekt sollte es die einzelne Hochschule, besser noch; die einzelnen Lehrenden regeln. Die Rückkehr in ein Teil-Normalbetrieb gestaltete sich dann erwartungsgemäß schwieriger, was bekannterweise kein Problem der Hochschulen, sondern ein politisches und gesellschaftliches ist. An den Hochschulen selber dominierte, meiner Wahrnehmung nach, die vielfach bestätigte Stimmungslage „Präsenz first“. So konnte man Mitte November beim Redaktionsnetzwerk Deutschland über Baden-Württemberg folgendes nachlesen:

„Trotz steigender Infektionszahlen hat das baden-württembergische Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Hochschuldozentinnen und -dozenten dazu aufgefordert, weiterhin Präsenzveranstaltungen zu ermöglichen.“ [..] […] „Gleichwohl ist es nicht möglich, in größerem Stil Angebote parallel in Präsenz und zugleich online durchzuführen. Dies ist für die Hochschulen weder logistisch darstellbar noch finanzierbar.“ […] „Deshalb appelliere [Wissenschaftministerin] Bauer an diejenigen Hochschulmitglieder, ‚die selbst vielleicht vorsichtiger sind oder die unbestritten auch vorhandene Vorteile eines Onlinebetriebs zu schätzen gelernt haben‘, dass man ‚trotz der zunehmenden Inzidenzwerte‘ an dem erreichten Maß an Präsenz im Hochschulbereich festhalten wolle.“ […] „‚Ergänzende Onlineangebote‘ seien nicht ausgeschlossen, ‚der Schwerpunkt liegt aber auf der Präsenz.’“

18.11.2021 – Corona-Alarmstufe in Baden-Württemberg: Präsenzveranstaltungen an Hochschulen sollen trotzdem fortgesetzt werden

Die Argumentation lautet also:

  1. Die Rückkehr zur Normal-Hochschule ist wegen Eindämmungsverordnungen, organisatorischen und strukturellen Gründen nicht möglich, es soll aber
  2. auf keinen Fall auf Online-Lehre umgestiegen werden und
  3. für professionelle hybride Lehre fehlen die personellen und technischen Ressourcen (und können selbstverständlich auch nicht bezahlt werden).

Es schält sich aber auch schon heraus, dass die Frage „Face or not to Face“ nicht nur an Impfquoten und der Umsetzung von Hygienevorschriften hängt. Am 29.11.2022 schreibt ZEIT ONLINE:

„Auch bei einer Impfquote von über 90 Prozent würden manche nicht mehr zu den Präsenzveranstaltungen kommen. Diese müssten auf bewährte Online-Formate oder Hybrid-Angebote zurückgreifen.“ […] „Den Studierenden, die vielleicht vulnerable Angehörige zu Hause haben, die Präsenz schmackhaft zu machen, sei nicht leicht. «Hier müssen wir eine Balance finden», heißt es.“ […] „Auch für die Freiburger Studentenvertretung stellt sich die Meinung der jungen Leute «sehr gemischt» dar. Viele legten großen Wert auf Präsenz, andere bewegten sich schon wieder in Richtung virtuelles Lernen, sagte der Referent für Hochschulpolitik Christian Kröper.“

29.11.2022 – Hochschulen: Präsenzlehre an Unis soll trotz Corona erhalten bleiben | ZEIT ONLINE

Aus Sicht der Landes-ASten-Konferenz Berlin klingt das etwas anders, diese fordern am 01.12. ein möglichst sicheres, flexibles Studienangebot, dass einen Rahmen schafft, um das soziale Hochschulleben wieder in greifbare Nähe zu rücken. Die Online-Formate sollen das bringen:

„Wir als LAK sind der Überzeugung, dass neue Maßnahmen an den Hochschulen nicht weiter warten können und fordern deshalb die sofortige Einführung von 2G+ an den Hochschulen, die Abschaffung der Anwesenheitspflicht und Online-Formate für alle Studierenden, die nicht an Präsenzvorlesungen teilnehmen können oder wollen.“

01.12.2021 – Erneuter Appell der LAK Berlin: Coronazustand an den Hochschulen weiterhin kritisch | LAK Berlin

Während die Berliner Ausschüsse wohl die allgemeine Interessenlage der Studierenden zum Ausdruck bringen, bahnt sich schon ein weiterer Umbruch in der Rolle der Online-Lehre an. Mit der Einführung von 2G-Regeln entsteht die Frage, wie mit den Studierenden umgegangen werden kann, die aus irgendwelchen Gründen ungeimpft bleiben. So setzte der baden-württembergische Verwaltungsgerichtshof die landesweite 2-G-Pflicht außer Kraft, weil sich aus der Vorschrift nicht ergebe,

„zu welchen Vorkehrungen Hochschulen im Hinblick auf ungeimpfte Studierende verpflichtet seien, um die Studierbarkeit zu gewährleisten, erklärte das Gericht.“ (Berliner Zeitung 17.12.2021) Der Weg, dieses Problem zu umschiffen, bestand in der Anpassung der Baden-Württembergischen Landesverordnung im Zeichen der digitalen Gesellschaft:
„Die Hochschulen müssen für ungeimpfte Studierende Teilnahmemöglichkeiten abseits der Präsenzveranstaltungen bieten und sicherstellen, dass:
– zeitgleich ein digitaler Zugang zu Veranstaltungen gewährleistet ist.
– eine digitale Aufzeichnung unverzüglich im Anschluss an die Veranstaltungen verfügbar gemacht wird.
– schriftliche Unterlagen, die den Lehrstoff beinhalten, vor oder unverzüglich im Anschluss an diese Veranstaltungen zur Verfügung gestellt werden.
– ähnliche Angebote in Kombination die „Studierbarkeit“ auch für ungeimpfte Studierende gewährleisten.“

20.12.2021 – Coronavirus: Trotz Gerichts-Urteil bleibt 2G an Unis in BW – SWR Aktuell

Ein historischer Moment? Digitale Lehre ist Gesetz (Verordnung)

Ein historischer Moment? Meines Wissens nach hat die digitale Lehre an Hochschulen in Deutschland damit – unter Pandemiebedingungen natürlich – erstmals den Rang eines verpflichtenden Angebots der Hochschule bekommen. Möglich ist das wohl unter anderem darum gewesen, weil – ich sag mal unbestimmt: „in der Politik“ – die uninformierte Vorstellung vorherrscht, dass wenn der Wechsel in die Online-Lehre doch so gut geklappt hat, der Schalter auch genauso auf „hybrid“ umgestellt werden könne.

Zusammenfassend stellt sich das in etwa so dar:

  • Eigentlich woll(t)en alle zurück in Präsenz, die politische und von der großen Mehrheit befürwortete Losung lautet „so viel Präsenz wie möglich“.
  • Die 2-G-Option, als derzeit realistische Option zur Aufrechterhaltung öffentlichen Lebens, beinhaltet für die Hochschulen die (bisher verfassungsfeste) Verpflichtung, Teilnahme „abseits der Präsenzveranstaltung“ zu bieten.
  • Das hybride Lehre aus dem Stehgreif genau so gut funktioniert, wie die Umstellung auf Online-Lehre war eine optimistische Annahme, die sich als unrealistisch herausstellte. Grund dafür ist vielleicht der Unterschied, dass die Umstellung auf Online-Lehre ein vorhandenes Potential ausschöpfte, funktionierende, schlüssige Szenarien hybrider Lehre aber jetzt entwickelt werden müssen. Auch das technische Potential ist erschöpft, bis hin zu Lieferschwierigkeiten notwendiger Technik für hybride Lehre.
  • Der Vision einer zeitgemäßen Lehre in einer digitalen Welt ist damit insgesamt nicht gedient. Vom Möglichkeitsraum, Lehre zu verbessern, über das Mittel, die Krise zu bewältigen, drohen digitale Formate nun als (lästige) Pflichtübung wahrgenommen zu werden. Soviel zur Krise als Chance.

Wie geht es weiter? 2G kommt wohl. Und eine Pflicht-Debatte?

Noch während ich an diesem Text arbeite, geht die Entwicklung weiter. Möglichkeiten der digitalen Lehre werden, praktisch erfahren, in andere Begründungskontexte übertragen. „Platzmangel“ ist hier ein Stichwort. Einerseits zeigt sich, das hybride Lehre und das davon evozierte studentische Bildungsnomad:innentum die Anforderungen an moderne Raumkonzept in der Hochschule dringlich werden lässt. Andererseits zeigt sich seit dem Jahreswechsel recht bald, dass aus verschiedenen Gründen in den Hochschulen aufgrund der Pandemieentwicklung die meisten Lehrangebote wieder in einen Online-Modus gewechselt sind:

„Es heißt bislang, Hochschulen und Senatskanzlei hielten wegen der hohen Bedeutung persönlicher Begegnungen im Bildungsprozess daran fest, Präsenzlehre weiterhin anzubieten. Doch aktuell läuft an den Berliner Unis wieder vieles nur online.“ ( 05.01.2022 – taz.de )
„Allerdings bröckele der Präsenzanteil in vielen Fächern allmählich. Es werde zunehmend auf die Online-Lehre ausgewichen, weil die Herausforderungen bei der Organisation der Vollkontrolle zu stark und die Infektionszahlen in der Gesellschaft zu hoch seien.“ (07.01.2022 – ZEIT ONLINE)

05.01.2022 – Hochschulen und Corona: Wieder mal zur Uni? – taz.de 07.01.2022 – Hochschulen: Teure Kontrolle: Unis prüfen Impfstatus streng vor Hörsälen | ZEIT ONLINE


Im Augenblick deutet sich an, dass in den Hochschulleitungen weiter an der Präsenz-Lehre als Orientierungspunkt festgehalten werden wird. Die im Zuge der 2G-Verordnungen verpflichtende Bereitstellung von digitalen Angeboten droht dem „Pflicht-Zwang“-Diskurs untergeordnet zu werden und die Frage, wie digitale Lehre und Präsenzhochschule sinnvoll zusammengebracht werden können und was dafür im besten Interesse aller notwendig wäre, wird gar nicht mehr gestellt.

Das Präsenz-Gen in der Hochschullehre

Bedingt durch die erzwungene Nicht-Präsenz ist seit dem Frühjahr Jahr 2020 die Präsenzlehre Thema. Für die Jahreskonferenz der GMW 2021 „Bildung in der digitalen Transformation“ wurde ein Beitrag von mir angenommen und ich dürfte diesen in einem Vortrag am 21.10. vorstellen. Den Vortrag und die Kerngedanken möchte ich auch hier vorstellen.

Nachtrag zum Vortrag eines Beitrags zur GMW 2021

Bedingt durch die erzwungene Nicht-Präsenz ist seit dem Frühjahr Jahr 2020 die Präsenzlehre Thema. Durch die auf „das Digitale“ reduzierte Lehrwirklichkeit ist sie als Leerstelle permanent anwesend und wird als Teil der „DNA of Higher Education“ (Christensen & Eyring, 20111Eyring, H., & Christensen, C. (2011). The Innovative University: Changing the DNA of Higher Education. Retrieved from http://www.acenet.edu/AM/Template.cfm?Section=Programs_and_Services&TEMPLATE=/CM/ContentDisplay.cfm&CONTENTID=40357) empfunden, als konstitutiv für die Kultur, das Selbstverständnis und das Funktionieren der Universität und der Universitätslehre. Es zeigt sich aber, dass diese scheinbar selbstverständliche Abgrenzung der Präsenzlehre von der Online-Lehre nicht leicht fassbar ist. Es stellt sich daher die Frage, was ist in den Diskussionen der letzten Monate genau gemeint wenn von „Präsenzlehre“ gesprochen wird? Für die Jahreskonferenz der GMW 2021 „Bildung in der digitalen Transformation“ wurde ein Beitrag von mir angenommen und ich dürfte diesen in einem Vortrag am 21.10. vorstellen. Den Vortrag und die Kerngedanken möchte ich auch hier vorstellen.

Kippfigur Präsenz-Online

Der Ausgangspunkt war die Frontstellung in die Präsenzlehre gegenüber der digitalen Lehre im Zuge der Pandemie gebracht wird. Dazu hatte ich insbesondere die prominenten Diskurse näher angeschaut, also die Äußerungen und Diskussionen von Akteuren die weitgehend in der Öffentlichkeit, insbesondere in Publikumszeitschriften und Online-Portalen stattgefunden hat. Interessant ist die Tatsache, dass die digitale Lehre (im Corona-Fall speziell die „Online-Lehre“), wenn sie in diesem Diskurs fokussiert wird, immer als Negativbild der Präsenzlehre beschrieben wird, „Digitale Lehre kann nicht…“ ist die häufige Argumentationsfigur. Auf der anderen Seite werden die Kriterien für gute digitale Lehre (soziale Beziehung, Interaktion, Austausch …) aus der analogen Welt entliehen und hier könnten sich die Standpunkte treffen, was aber unterbleibt. So entsteht eine Kippfigur, die es unmöglich macht, beide Figuren gleichzeitig zu sehen, sondern die unsere Wahrnehmung solange zwingt, sich auf eine Deutung festzulegen, bis wir die Gestalt als Kippfigur erkennen.

Präsenz ist einfach dabei

Die zweite „Entdeckung“ war, dass diese Argumentationsfigur a) nicht neu ist und b) nur mittelbar mit „digitaler Lehre“ im engeren Sinne zu tun hat. In den letzten 10 Jahre konnte ich vier große Themen finden, in denen „Präsenz“ eine zentrale Rolle spielt: Der MOOC-Hype, die Anwesenheitspflicht in Lehrveranstaltungen, die Einführung von Regelungen für ein E-Learning-Deputat und der selbstkritischer Blick auf das Konzept des „Blended Learning/integrierte Lernens“. In allen vier Themenfeldern finden Zuschreibungen, Differenzierungen und Wertungen statt, die eine bildungsrelevante Qualität der Präsenzlehre untermauern ohne diese je so richtig auszubuchstabieren.


Am (vorläufigen) Ende dieser Analyse hatten sich bei mir die Eindrücke verfestigt:

  • „Präsenzlehre“ ist ein festes, für die Hochschullehre konstitutives Konstrukt, unabhängig vom aktuellen Diskurs. Dabei bewegt sich dieser Diskurs eher in einem Gewebe von Zuschreibungen und Negationen anstelle von Argumenten und Gegenargumenten.
  • Gleichzeitig ist die Präsenzlehre seltsam unterbestimmt und spielt immer dann eine Rolle, wenn sie (vermeintlich) gefährdet ist, „Unverzichtbarkeit“ ist leichter zu argumentieren als die „didaktisch und inhaltlich begründetet Sinngebung von Präsenz“ (Scheidig 20202Scheidig, Falk (2020) Digitale Transformation der Hochschullehre und der Diskurs über Präsenz in Lehrveranstaltungen. In: Bauer, R. et. al. (Hrsg.) (2020). Vom E-Learning zur Digitalisierung.– Mythen, Realitäten, Perspektiven. Münster etc.: Waxmann. Seite 243-259).
  • Die in Hochschul- und Mediendidaktik Tätigen sollten aber auch in Betracht ziehen, dass wir hier „blinde“ (wenigsten trübe) Flecken besitzen. Das Geschehen in der Lehrveranstaltung lässt sich nicht rückstandslos in „Ziel-Inhalt-Methode-Medium“ auflösen. Die in solchen didaktischen Modellen ebenfalls unausgesprochene, historische Verhaftetheit an die leiblich geteilte Lehrsituation ist für die „mediengestützte“ Lehre vielleicht noch zu wenig reflektiert worden.
  • Im guten Sinne ist dies ein gemeinsames Territorium der Lernenden und Lehrenden, ein Gestaltungs- und Spielraum in dem sich ihre Performanz im Zweifelsfall auch ungeregelt, spontan und ergebnisoffen entfalten kann.

Die Diskussion bleibt uns erhalten

Inzwischen wurde mit der Diskussion um die 2-G-Regelung für den Veranstaltungsbesuch ein neues Kapitel in der Präsenzdiskussion aufgeschlagen. Zwischen digitaler Lehre aufgrund juristischer Anordnung und argumentativen Zusammenrücken von Online-Lehre und psychischer Gefährungslage gedeihen ungesunde Verquasungen von digitaler Lehre mit Zwangsmaßnahmen . Auf mittlere Sicht werden aber auch die heraufziehenden Szenarien der Virtual bzw. Augmented Reality und erst recht die Anwendung Künstlicher Intelligenz in der Bildung neue Runden der Präsenzdiskussion anstossen.

Ein Präsenz-Hase

Online, präsent oder hybrid? Online planen um flexibel zu bleiben!

Warum ein Schuh draus wird, wenn wir für die Online-Lehre planen und mit der Präsenz rechnen. Joshua Kim hat Anfang November im Blog von „Inside Higher ED“ einen bemerkenswerten Vorschlag gemacht: Jeden Kurs für die Online-Lehre planen.

Joshua Kim hat Anfang November im Blog von „Inside Higher ED“ einen bemerkenswerten Vorschlag gemacht:

One idea that I’d like to nominate for consideration would be a commitment to design every course as an online course. That’s right, every single course. Even if there are no current plans to expand online offerings in, say, a core undergraduate residential program, my recommendation is to still design those face-to-face courses for online delivery. Each and every single one.

Kim, Joshua (November 3, 2020, Inside Higer Ed) 4 Reasons Why Every Course Should Be Designed as an Online Course

Die Begründungen, die er dafür heranzieht möchte ich kurz referieren.

  • Sicherheit: Ein Online-Kurs kann offensichtlich einfacher mit Präsenz ergänzt werden als umgekehrt. „The ability to seamlessly move between residential and online delivery modes is the best guarantee for resiliency in an uncertain world.“
  • Flexibilität: Im Moment wird weitgehend eine Rückkehr zu Präsenz geplant, aber das bleibt unsicher. In einer immer noch unsicheren Lage bieten die Online-Lehre die beste Basis für schnelle Anpassungen.
  • Qualität: Vom Standpunkt der didaktischen Qualität gibt es keinen Unterschied, einen guten online-Kurs oder einen guten präsenz-Kurs zu planen. „Instead, there are well-designed courses and poorly designed courses. A well-designed course is built around learners and learning, rather than content.“
  • Erweiterbarkeit: Im Hinblick auf die Entwicklung der Hochschule hin zu neuen Angeboten, Zielgruppen und Zertifizierungsmodellen helfen Online-Kurse, weil sie viel einfacher kompetenzorientiert aufgebaut werden können. Vorhandene Lehr-Bausteine können digital einfacher rekombiniert und erweitert werden. „The name of the game is blending, remixing and reuse. Even if the original use is face-to-face, courses born online lend themselves to transformation for alternative online offerings.“

Gute Lehre oder nur gut gemeint?

Wenn also der Weg über die Online-Lehre die Lehre verbessern soll, dann stellt sich ja die Frage, was gute Lehre ausmacht und wie es mit der Online-Lehre zuammengeht? Eine gute Zusammenstellung von dem, welche fachübergreifende Eckpunkte für gute Hochschullehre als gesichert angenommen werden können, fiindet sich bei der TU Darmstadt. Demnach sind die sieben Gelingensfaktoren guter Hochschullehre:

  • Selbstwirksamkeit der Studierenden stärken
  • Vorwissen berücksichtigen und aktivieren
  • klare Ziele kommunizieren und verfolgen
  • Zeit in die Planung der Lehre investieren
  • Fragekultur befördern
  • kooperative Lernmethoden verwenden
  • Klarheit und Verständlichkeit der Aussagen

Die Pointe ist, dass die hier genannten Punkt sich viel besser einrichten lassen, wenn Online-Lehre geplant und durchgeführt wird: Das Format drängt darauf studierendenzentriert, aktivierend und transparent zu agieren. Gute Präsenzlehre ist zwar immer besser als schlecht gemachtes E-Learning, aber die Chance, gelingende Lehre in unsicheren Zeiten zu verwirklichen steigt mit dem direkten Umweg über die Online Lehre.

Zu langsam auf dem richtigen Weg

Zur Tagung „Digitalisierungspraktiken und Hochschulbildung – sind wir auf dem richtigen Weg?“ (27./28.07.19)

In der letzten Woche war ich zu Gast auf der Tagung Digitalisierungspraktiken und Hochschulbildung – sind wir auf dem richtigen Weg?, die im Rahmen des Projekts „Smart Teaching Baden-Württemberg“ in Zusammenarbeit mit e-teaching.org ausgerichtet wurde. Neben einer Reihe von Beiträgen und Workshopthemen, die wohltuend über das schon vielfach Gesagte zum Thema hinausgingen, war für mich die abschließende Podiums- und Publikumsdiskussion ein Aha-Erlebnis. Das lag nicht nur an dem mir aus dem Herzen gesprochenen konsensualem Fazit „Wir sind auf dem richtigen Weg – nur die Geschwindigkeit stimmt nicht“ sondern an der lebhaft diskutierten Frage, wie die Lehrenden als zentrale Akteure beschleunigt auf den Weg gerbracht werden könnten.

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Der Digitalpakt wird (wahrscheinlich) kommen und scheitern – in den Ländern

Die Länder scheinen sich beim Digitalpakt durchzusetzen – der Digitalisierung der Bildung wird es aber wahrscheinlich nichts nutzen.

Die Meldungen der letzten Tage in Sachen Digitalpakt klingen mal optimistisch „…zuversichtlich, dass das Geld schnell an die Schulen kommt…“, mal weniger optimistisch „Lösungen erkennbar“ aber auch nach anhaltenden machtpolitischen Poker „Vereinbart ist noch gar nichts“. Der dahinter stehende Vorgang ist, dass aus der Arbeitsgruppe des Vermittlungsausschuss zum Digitalpakt ein Papier lanciert wurde, das laut Süddeutscher einen Arbeitsstand darstellt. Demnach sieht der Kompromiss ungefähr so aus:

„Der Digitalpakt wird (wahrscheinlich) kommen und scheitern – in den Ländern“ weiterlesen

„Digitalpakt“ egal wie – aber was eigentlich?

Wenn ich das richtig verstehe wird ab gestern heute abend verhandelt? Und wenn ich das weiterhin richtig verstanden habe, dann geht es den Verhandler*innen vor allem um die Causa „Grundgesetzänderung“? – Schön! – aber: Wofür die Digitalpakt-Gelder denn dann ausgegeben werden sollen scheint in einer Verwaltungsvereinbarung zu stehen. Kennen wir die?

„Dem Vernehmen nach wollen sie einen einmaligen, auf fünf Milliarden Euro begrenzten Transfer von Steuermitteln über die Umsatzsteuer zugunsten der Länder, und im Gegenzug gehen die Kultusministerien eine Berichtspflicht gegenüber dem Bund ein. Sie sollen nachweisen, dass sie die Gelder auch entlang der ausgehandelten Digitalpakt-Ziele einsetzen. Diese Ziele hatten Kultusministerien und Bundesbildungsministerium im November in eine – allerdings nicht mehr formell unterzeichnete Verwaltungsvereinbarung gegossen.

www.jmwiarda.de/2019/01/30/ab-top-4-wird-es-ernst/

„Teilhabe an Bildung und Wissenschaft“ – Call for Papers für die Jahrestagung GMW 2019

„Teilhabe“ als Anspruch und als Praxis von Bildung. Gemeinsame Jahrestagung von GMW und DelFi 2019 in Berlin

Vom 16. bis 19. September 2019 findet in Berlin die 27. Jahrestagung der Gesellschaft für Medien in der Wissenschaft e.V. (GMW2019) zusammen mit der 17. Jahrestagung der Fachgruppe E-Learning der Gesellschaft für Informatik e.V. (DeLFI 2019) statt. Das Thema der diesjährigen Tagung ist „Teilhabe“ – durchaus in einem umfassenden Sinn gemeint.
Aus dem Call:
„Teilhabe als Anspruch und als Praxis von Bildung und Wissenschaft bekommt […] eine neue, erweiterte Bedeutung. Diese umfasst den Abbau von Zugangshürden, die partizipative Entwicklung von Inhalten oder die Förderung aktiver Teilnahme durch adaptive und personalisierbare Medien. In der Tagung soll der Blick gleichzeitig auf Bildung und Wissenschaft gerichtet werden: hier ermöglichen Medien und Technologien neue Formen von Kollaboration, Integration, Wissenschaftskommunikation sowie neue Verbindungen von Forschung, Lehre und Publikation.“

Die Deadline für Einreichungen von Textbeiträgen ist der 17.03.2019

Learning in Digital World – und in einer neuen Hochschule

Am vergangenen Donnerstag war ich Gast auf dem QPL-Workshop „Praxis trifft Forschung – Learning in a Digital World“ zu dem das Frankfurter Projekt „Starker Start“ eingeladen hatte und auf dem „Einblicke in aktuelle Forschungsprojekte“ und „fachspezifischer Transfer in die Lehrpraxis“ zum Thema Digitalisierung der Hochschulbildung im Mittelpunkt standen. Die wichtigste Botschaft, die ich aber aus dem Tag mitnehme ist, das wir „Hochschule neu denken“ müssen. Neben den Workshops zum „Data Enhanced Learning“ mit von Prof. Dr. Marcus Specht (Delft) und zur „digitalen Lehre in den Geisteswissenschaften und Jura 2030“ die durch Prof. Dr. Barbara Wolbring (Frankfurt a.M.) moderiert wurde, war es vor allem die Keynote von Prof. Dr. Susanne Weissman die bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Die ganze Keynote kann im aufgezeichneten Livestream ab Minute 35:00 betrachtet werden.

Susanne Weissmann ist Vizepräsidentin an der TH Nürnberg Georg Simon Ohm und in dieser Funktion verantworlich für Personalentwicklung und Weiterbildung sowie Hochschulentwicklung und die Digitalisierungsstrategie. Einen weiteren Eindruck von Prof. Dr. Weissmann bekommt man in dem Videobeitrag für den Stifterverband „Wie Digitalisierung die Hochschulen verändert“ Sehr angenehm finde ich Frau Weissmanns Herangehen, beispielhaft zum Mentalitätswandel der Net-Generation: Das ist einerseits informiert und von wissenschaftlichen Positionen getragen, aber vor allem scheint es ihr darum zu gehen, überhaupt erst mal besser zu begreifen, was eigentlich mit den Menschen in der Digitalisierung geschieht. Und zwar ohne einerseits die Dynamik zu verkennen, die jede Erkenntnis als vorläufige umwerten kann und ohne sich andererseits sich zu einem Urteil zwingen zu lassen, weil wir uns ja doch nach einem Fundament für unser Handeln sehnen. Die zentrale Position von Frau Weissman war aber für mich:

Die Strukturen der Hochschule sind für das digitale Zeitalter („vielleicht“) nicht mehr zeitgemäß. Kluge Köpfe und kluge Menschen müssen sich die Frage stellen, wie Veränderung und Gestaltung der Hochschule „als Ganzes“ in Angriff genommen werden kann. Dies ist die mentale Neuausrichtung, zu der wir gezwungen seien, um die notwendige Reform der Hochschulen in Bewegung zu bringen, welche zwar die „umwerfenden“ (B. Böhning) Auswirkungen der Digitalisierung anerkennt aber trotzdem „nicht vom Fleck kommt“, sich „verheddert“ und mit „operativen Problemen“ zu kämpfen habe.

Eine schöne Metapher für die aktuelle Gleichzeitigkeit aus Modernisierung (des Medieneinsatzes) und Perpetuierung der (traditionellen) Lehr-/Lernkonzepte ist das von Frau Weissman angeführte „Blended Learning“ als „bequeme Antwort“ auf Digitalisierung: Man spricht von der Kombination der Stärken der beiden Ansätze, im Prinzip bleibt aber allzu oft das Lehrkonzept im Kern nicht angetastet. Die Selbststudienphasen werden medial aufgepeppt, die Methoden und das Vorgehen in der Präsenz ändert sich nicht. Man kann dieses Logik weiter führen: „Learning Management System“, „Vorlesungsaufzeichnung“ und „E-Prüfungen“ lassen sich ebenfalls unter Beibehaltung des bisherigen, jetzt medial modernisierten, Lehr-/Lernarrangements nutzen. Im übrigen ein sattsam bekanntes Phänomen an dem sich bereits Kohorten von Medien-/Bildungswissenschaftler*innen abgearbeitet haben.

Wir müssen Hochschulen nicht „digitalisieren“ sondern neu denken, um die Herausforderungen einer digitalisierten Welt zu bewältigen

Meine allererste Reaktion auf die Forderung „Hochschule ganz neu denken“ war übrigens der Gedanke „Aha, mit dem E-Learning und dem Neuen Lehren & Lernen hat es nicht so geklappt, dann fordern wir jetzt mal ‚Alles muss sich ändern‘?“ Hochschule ganz neu denken! Wo kann eine solche Diskussion geführt werden, wer ist bereit diese zu führen? Wer in einer führenden Position in einer Hochschule ist bereit, solche Prozesse zu wagen?

 

Lässt man es sich weiter durch den Kopf gehen, bekommt es allerdings immer mehr Sinn. Digitalisierung ist ohne organisatorischen Wandel nicht möglich, Wandel kann nicht ohne Veränderung in den Köpfen stattfinden. Die „Neukonfiguration der Strukturen“ ist nicht nur die wichtigste Organisationsaufgabe der Hochschulen für eine digitale Welt, sondern sie wird durch Digitalisierung auch möglich. Allerdings: „Neue Formen“ lassen sich nicht ohne einen neuen Inhalt denken. Es wäre auch notwendig die Ziele der Hochschulbildung in den Blick zu nehmen. Und ich denke, dass dies auch die sich langsam verbreitende Erkenntnis sein wird: Wir sprechen von der Digitalisierung als die Bedingung, die – zusammen mit anderen Entwicklungen – die Institutionen der Bildung zur Veränderung herausfordert.

„Hochschulbildung mit digitalen Medien“ – welcher Bildungsbegriff sollte damit verbunden werden?

Digitalisierung ist mehr als E-Learning. Sie ändert nicht nur das Medium von Vermittlung und Kommunikation sondern ist mit der Transformation der ganzen (Bildungs-)Welt verbunden. Dieser tiefgreifende Wandel verschränkt und befindet sich in Wechselwirkung mit weiteren Kennzeichen der heutigen Situation: Globalisierung, Neoliberalismus und die Notwendkeit nachhaltiger Entwicklung konstituieren zusammen mit der digitalen Transformation eine Situation, die nach einem aktualisierten Bildungsbegriff und Erneuerung der Bildungsinstitutionen verlangt.  Ein Beitrag zur #GMWdebatte

Mit dem Begriff E-Learning verband sich in der Vergangenheit für mich vor allem die Frage, wie digitale, vernetzte Medien sinnvoll in die Gestaltung von Lehr-/Lernarrangements eingebunden werden. Diese Frage war immer damit verbunden, wie diese Einbindung zur Erhöhung der Qualität von Bildung beitragen könnte, Forschung und theoretische Durchdringung zielten darauf ab, besser zu verstehen, wie dieses Ziel zu erreichen ist.
In diesem Sinne bilden die digitalen Medien „nur“ veränderte Randbedingungen und Werkzeuge für die Realisierung von Lehr-/Lernszenarien in einer ansonsten davon nicht angefassten Bildungslandschaft. Verbleiben wir bei diesem Begriff von Medien, ist die Eingangsfrage nach dem Bildungsbegriff relativ leicht beantwortet: Die Bestimmungen, Ziele und Praktiken der Bildung bleiben wesentlich die gleichen. Und dann müssen die Bestimmungen von Bildung (im Hochschulkontext), wie „Wissenschaftlichkeit“, „Kritikfähigkeit“ und „Verantwortung“ daraufhin befragt werden, wie sie an veränderte Anforderungen in einer global vernetzten, digitalisierten Welt angepasst werden. Die Diskussion um die Berufsbilder in einer automatisierten Welt ist ein Teil dieser Diskussion. Das ist nicht falsch, zeigt aber meiner Meinung nach noch nicht das ganze Bild.
Es gibt noch eine weitere Bestimmung für die „Hochschulbildung mit digitalen Medien“, eine Dimension, die dieses Verständnis ergänzen sollte und damit verändert: Werner Sesink hat dies das „Medium der Medien“ genannt, Dirk Baecker fasst dies mit Luhmann’scher Diktion als „Leitmedienwechsel“ ,bei Marshall McLuhan und Felix Stalder wird es als „Gutenberg-Galaxis“ gekennzeichnet, deren Grenzen wir jetzt erreichen. Es gibt sicher noch mehr Bestimmungen, die diesen Prozess so oder ähnlich beschreiben.
Wissenskathedralen?

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Diese Analysen beinhalten, dass der Begriff „Bildung“ in der Tiefe mit den gesellschaftlich verfügbaren, dominanten medialen Vermittlungsformen korrespondiert. Es konturiert sich hiermit ein Prozess vor unseren Augen, der gar nicht so brandneu und disruptiv ist, sondern mit der Entwicklung der Moderne (westlicher Prägung) einhergeht: Die – wieder nach Sesink – „Umkehrung der Schreibrichtung“ von Wirklichkeit und der sich auf diese beziehende Kommunikation. Wir „sind“ nicht mehr nur in der Welt, sondern wir „machen“ Welt. Das geschieht nicht nur, aber sehr wesentlich auch durch den Mediengebrauch (die wir btw. auch wieder „selbst“ erschaffen), das „Anthropozän“. Das uns dieser Prozess heute so deutlich und mächtig vor Augen steht liegt vielleicht am „Fisch-Wasser“-Phänomen (vgl. David Foster Wallace: „Das ist Wasser“), Damit ist die Schwierigkeit gemeint, dasjenige Medium wahrzunehmen in dem Erleben und Wahrnehmung vollständig eingebettet sind.
Das lenkt die Aufmerksamkeit auf das „Neue“, auf Digitalisierung als Kennzeichen einer Epoche, die vielleicht am Ende gar nicht mehr so benannt werden wird (Ich frage mich, ob die Menschen im 19. Jahrhundert ihre Zeit als „Industrialisierung“ wahrgenommen haben?). Was Digitalisierung ausmacht, welche Neuerungen und Verschiebungen damit einhergehen und wie wir gestaltend darauf einwirken können, sind die großen nur in Ansätzen beantworteten Fragen. Gleichzeitig befinden wir uns in einer Situation, in der sich die ökonomischen und machtpolitischen Widersprüche in der Welt zuspitzen und die mit der alles überschattenden Aufgabe konfrontiert ist, eine Lebensweise zu entwickeln, die den Planeten nicht bis zur Unbewohnbarkeit vernutzt. Der Begriff der „Bildung“ wird dadurch quasi von zwei Seiten aus in Frage gestellt:
  • Erstens gilt es, die Inhalte und Ziele von Bildung so zu formulieren, dass sie menschliche Entwicklung wirklich unterstützt. Ich interpretiere bspw. auch den Weltbildungsbericht der OECD dahingehend, dass es nicht mehr nur um ein „mehr“ an Bildung gehen darf, sondern auch um eine qualitative Weiterentwicklung der Bildung (vgl. UNESCO 2016: „Bildung für Mensch und Erde. Eine nachhaltige Zukunft für alle schaffen.“ ). Aus meiner Sicht bilden die „vier C’s“, wie sie aus den Überlegungen zum „21th century learning“ heraus formuliert wurden, bei aller Kritik gute Eckpunkte, die Diskussion um Inhalt und Form von Bildung zu aktualisieren: Communikation, Collaboration, Creativity und Critical Thinking können wirkungsvolle Leitgedanken für eine Erneuerung Bildung werden.
Lernen für die Zukunft

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  • Zweitens ist es notwendig, die innere Struktur des Bildungsbegriffs mit den Gegebenheiten der heutigen Welt in Einklang zu bringen. Dem – vor allem in Hochschulen stets als Referenz anwesenden – klassischen, (neu)humanistischen Begriff der Bildung ist die Entwickungsfähigkeit, Selbstverantwortung und das Lebensrecht des Menschen immer auch inhärent gewesen. Vieles davon ist mit den Grundgedanken von Kompetenzentwicklung, Kritik- und Reflexionsfähigkeit, lebenslangen Lernen und Orientierungsfähigkeit aktualisiert worden. Auch mit dem „Shift from Teaching to Learning“ sowie „Lernendenorientierung“ bzw. „Lernendenzentrierung“ werden Sinnhaftigkeit und Einklang mit Lebensinteressen zu Orientierungspunkten von Bildung und Lernen. Hier würde es meines Erachtens nach darum gehen müssen, diese Bestimmungen nicht nur als bildungsphilosophisches Statement zu (re)formulieren, sondern deren Bedeutung für die eine humane Bildung in einer digitalisierten Welt herauszuarbeiten.

Digitalisierung der Bildung für eine bessere Welt

In der Diskussion über den richtigen Weg in der Digitalisierung der Bildung hat sich mir in den letzten Monaten die Frage nach der Bedeutung von Krisen oder „krisenhaftem Zustand der Welt“ für diese Diskussion intensiv gestellt. Das der Zustand der Welt nicht gut ist und es einen dringenden Veränderungsbedarf gibt, diesen Eindruck teilen inzwischen viele Menschen. Das Bildung – in einem umfassenden Sinn – damit etwas zu tun hat oder zu tun haben könnte ist für die meisten Menschen auch irgendwie plausibel. Und drittens ist es inzwischen auch deutlich, dass mit der Digitalisierung der Bildung nicht nur neue didaktisch-methodische Möglichkeiten gemeint sein können, sondern dass es im Zuge dieser Veränderung auch um Definitionen, Ziele und Inhalte dessen geht, was unter Bildung verstanden werden soll.

Hochschul-Bildung und die „Besserung der Welt“

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 Crisis what Crisis?
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Der Begriff der Bildung im Kontext der (deutschen) Hochschule ist fest mit der neuhumanistischen Bildungskonzeption verbunden. Daran schließt unter anderem die Frage an, ob und wie Bildung einen Anteil daran haben soll und haben kann, die menschlichen Verhältnisse insgesamt zu verbessern und zum Fortschritt der Menschheit beizutragen. Diese Auseinandersetzung zieht sich durch die letzten 200 Jahre und ist heute ebenso virulent. Beispielsweise entlang der Diskussionslinien um „Bildung“ vs. „Kompetenz“, wobei Kompetenz in der Regel als Gegenbild zur Bildung interpretiert wird und mit „Employabiltiy“ und „Selbstoptimierung“ als systemkonformen Bildungssurrogaten identifziert wird (vgl. A. Dörpinghaus in Forschung und Lehre). Aber auch die gesellschaftspolitisch neutralen bis affirmativen Haltungen, die in weiten Teilen des Wissenschaftsbetriebs herrschen, bestärken den Eindruck, dass die kritisch-gesellschaftsgestaltende Kraft in den Reihen der akademischen Elite des Landes schwach ist. Das äußert sich unter anderem im Erschrecken darüber, dass populistisch-postfaktische Positionen Mehrheiten mobilisieren können und die damit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu Protestmärschen treiben. Auch in prominenten Diskussionsrunden beispielsweise anlässlich des Tags der Lehre am 16.04.2018 der Humboldt-Universität in Berlin wird das Fehlen der kritischen Einmischung aus der Universität heraus und dem Mangel visionärer Gestaltungskraft in der Universität selbst einmütig beklagt. Das kritische
Behandlung der gesellschaftlichen Entwicklungen und Hinarbeiten auf die Verbesserung der menschlichen Verhältnisse ein Anteil des Bildungsbegriffs ist, der nicht folgenlos herausoperiert / ignoriert werden kann, merkt man, wenn man sich das Gegenbild, nämlich einen jeder Utopie entsagenden Bildungsbegriff vor Augen führt: Es liefe auf die Zurichtung der Bevölkerung im Sinne der Aufrechterhaltung des Status Quo hinaus, eine Art kulturelles Klonen.
Angela Merkel Juli 2010 - 3zu4
„Viele Menschen empfinden, dass
die Welt aus den Fugen geraten ist“
(Angela Merkel auf dem
CDU-Parteitag im Dezember 2016)
In der Geschichte der Erziehungswissenschaft hingegen war und ist der utopisch-humane Anteil von Bildung ein zentrales Motiv. Für die kritische Erziehungswissenschaft geht es um eine Pädagogik,

„die nicht in der ‚Besserung‘ des Zöglings, in der Perfektibilität des Edukandus ihr erstes und einziges Ziel erblickt, sondern deren Interesse über das gesellschaftliche Handeln des ‚Zöglings‘ auf Zustand und Wandel (‚Besserung‘) der Gesellschaft und ihrer Verhältnisse gerichtet ist;…“ (Schäfer & Schaller 1973. Kritische Erziehungswissenschaft. S. 9).

Digitalisierung der Bildung ist mehr als E-Learning

„Digitalisierung der Bildung“ ist ein vielschichtiger Prozess. Es ist mehr als das, was wir unter „E-Learning“ im Sinne von „technologiegestützter Lehre“ bisher verstanden haben. Digitalisierung der Bildung umfasst die Organisation und Verwaltung von Bildung wie die Frage, welche Bildungsziele und Bildungsinhalte in einer digitalisierten Welt von Bedeutung sind. Für die akademische Bildung, bzw. Hochschulbildung ist die Digitalisierung der Bildung das Zusammenwirken von 1) automatisierten, softwaregestützten Verwaltungsprozessen („Kernprozessen von Lehre und Studium“), 2) mit digitalen Werkzeugen unterstützter Lehre („E-Learning“) und 3) den Veränderungen die sich in den Fachwissenschaften in einer digitalisierten Welt ankündigen. Die Frage wie dieses Digitale Ökosystem gestaltet und in welche Richtung es sich insgesamt entwickeln soll ist keine Frage von Lehrgestaltung mehr, sondern von Hochschulstrategie. Daher werden sich die damit verknüpften Fragen auch nicht aus mediendidaktischer Perspektive alleine beantworten lassen sondern muss sich mit Bildungstheorie und Erziehungswissenschaft beraten. Von der bildungstheoretischen Position aus betrachtet erschließt sich die Diskussion um den richtigen Weg der Digitalisierung erst, wenn sie mit Bildungszielen verknüpft wird. Wir müssten beschreiben, mit welchen Ziel wir „Bildung digitalisieren“ wollen und wir müssten dies in den Dimemsionen und Kategorien von Bildung beschreiben.

Die Welt muss besser werden, wir müssen darin besser werden, die Welt zu verbessern

Die Welt ist in einem schlechten Zustand. Die permanente Krise scheint der Normalfall zu sein und in dieser Zustand der Schwebe zwischen Zuspitzung und Stagnation, zwischen „Heilung und Tod“ führt zu Abstumpfung und dem Gefühl des Ausgebranntseins (so bspw. eine Analyse in der ZEIT). Man kann der Meinung sein, dass die Krisenhaftigkeit vor allem eine subjektives Phämomen ist, das sich in einer Zeit entgrenzter Berichterstattung vor allem  beim zu langen Schauen auf Displays jeder Art konstituiert. Andererseits sind aber auch gefühlte Krisen echte Krisen, die in der Welt wirkmächtig werden können. Weiterhin gibt es mindestens eine Krise, die echt aber kaum gefühlt ist und die durch Ignorieren und Abwarten nicht verschwindet: Der Klimawandel wird ohne Gegensteuern zu katastrophischen, menschen- und lebensfeindlichen Bedingungen führen und ist damit DIE Herausforderung für Menschheit – vielleicht der Punkt an dem sich Menschheit überhaupt erst formiert. Oder untergeht. Die himmelschreiende Ungerechtigkeit und das ungehemmte Auseinanderdriften der Verteilung der Lebenschancen und Lebensqualität bei gleichzeitiger Explosion technisch-wissenschaftlicher Erkenntnisse und Gestaltungsmöglichkeiten, diese offenbar fehlende Gestaltungsfähigkeit wirkt zutiefst frustrierend und höhlt die Glaubwürdigkeit und  Humanität gleichermaßen aus.

Digitale Bildung für eine bessere Welt!

Lisa Rosa schrieb 2016 über die Möglichkeit, andere Bildungsziele und digitale Bildung zusammen zu bringen:
„Diese neuen Lernziele sind die neue Stufe des Humboldt, ein Humboldt 2.0 sozusagen – und wir müssen ihre Umsetzung als Meilenstein auf dem Weg in eine bessere Gesellschaft einfordern und ihre Reduktion auf dieselbe ökonomische Verzweckung durch den Kapitalismus bekämpfen, die schon im 19. Jh. die Humboldtschen Vorstellungen ereilt hat. Dazu müssen wir zeigen, wie.“
Wir haben einerseits eine Tradition und eine Praxis des Bildungsbegriffs, der die Veränderung der Welt zu einem Besseren hin einschließt. Wir sind weiterhin im Kontext der Digitalisierung gefragt, technologische Innovation mit gesellschaftlicher Innovation zu verbinden, wenn wir für die digitalen Herausforderung auf gleicher Ebene Lösungen suchen: Bildungsberatung, Weiterbildung, Ausweitung von Informationskompetenz – das sind alles sinnvolle Maßnahmen, es braucht aber auch eine große Idee, um in dem Trubel der Veränderungen Kurs zu halten. Heute wurde hier auf der re:publika 2018 die digitale Transformation in ihren Auswirkungen mit der ersten industriellen Revolution verglichen, als eine die Menschen und ihre Verhältnisse umwerfende Erfahrung. Es geht darum die Chancen, die darin liegen, dass alles in Bewegung gerät, für nachhaltige, weitreichende und menschliche Entwicklung zu nutzen: Digitale Bildung für eine bessere Welt!