Das Präsenz-Gen in der Hochschullehre

Bedingt durch die erzwungene Nicht-Präsenz ist seit dem Frühjahr Jahr 2020 die Präsenzlehre Thema. Für die Jahreskonferenz der GMW 2021 „Bildung in der digitalen Transformation“ wurde ein Beitrag von mir angenommen und ich dürfte diesen in einem Vortrag am 21.10. vorstellen. Den Vortrag und die Kerngedanken möchte ich auch hier vorstellen.

Nachtrag zum Vortrag eines Beitrags zur GMW 2021

Bedingt durch die erzwungene Nicht-Präsenz ist seit dem Frühjahr Jahr 2020 die Präsenzlehre Thema. Durch die auf „das Digitale“ reduzierte Lehrwirklichkeit ist sie als Leerstelle permanent anwesend und wird als Teil der „DNA of Higher Education“ (Christensen & Eyring, 20111Eyring, H., & Christensen, C. (2011). The Innovative University: Changing the DNA of Higher Education. Retrieved from http://www.acenet.edu/AM/Template.cfm?Section=Programs_and_Services&TEMPLATE=/CM/ContentDisplay.cfm&CONTENTID=40357) empfunden, als konstitutiv für die Kultur, das Selbstverständnis und das Funktionieren der Universität und der Universitätslehre. Es zeigt sich aber, dass diese scheinbar selbstverständliche Abgrenzung der Präsenzlehre von der Online-Lehre nicht leicht fassbar ist. Es stellt sich daher die Frage, was ist in den Diskussionen der letzten Monate genau gemeint wenn von „Präsenzlehre“ gesprochen wird? Für die Jahreskonferenz der GMW 2021 „Bildung in der digitalen Transformation“ wurde ein Beitrag von mir angenommen und ich dürfte diesen in einem Vortrag am 21.10. vorstellen. Den Vortrag und die Kerngedanken möchte ich auch hier vorstellen.

Kippfigur Präsenz-Online

Der Ausgangspunkt war die Frontstellung in die Präsenzlehre gegenüber der digitalen Lehre im Zuge der Pandemie gebracht wird. Dazu hatte ich insbesondere die prominenten Diskurse näher angeschaut, also die Äußerungen und Diskussionen von Akteuren die weitgehend in der Öffentlichkeit, insbesondere in Publikumszeitschriften und Online-Portalen stattgefunden hat. Interessant ist die Tatsache, dass die digitale Lehre (im Corona-Fall speziell die „Online-Lehre“), wenn sie in diesem Diskurs fokussiert wird, immer als Negativbild der Präsenzlehre beschrieben wird, „Digitale Lehre kann nicht…“ ist die häufige Argumentationsfigur. Auf der anderen Seite werden die Kriterien für gute digitale Lehre (soziale Beziehung, Interaktion, Austausch …) aus der analogen Welt entliehen und hier könnten sich die Standpunkte treffen, was aber unterbleibt. So entsteht eine Kippfigur, die es unmöglich macht, beide Figuren gleichzeitig zu sehen, sondern die unsere Wahrnehmung solange zwingt, sich auf eine Deutung festzulegen, bis wir die Gestalt als Kippfigur erkennen.

Präsenz ist einfach dabei

Die zweite „Entdeckung“ war, dass diese Argumentationsfigur a) nicht neu ist und b) nur mittelbar mit „digitaler Lehre“ im engeren Sinne zu tun hat. In den letzten 10 Jahre konnte ich vier große Themen finden, in denen „Präsenz“ eine zentrale Rolle spielt: Der MOOC-Hype, die Anwesenheitspflicht in Lehrveranstaltungen, die Einführung von Regelungen für ein E-Learning-Deputat und der selbstkritischer Blick auf das Konzept des „Blended Learning/integrierte Lernens“. In allen vier Themenfeldern finden Zuschreibungen, Differenzierungen und Wertungen statt, die eine bildungsrelevante Qualität der Präsenzlehre untermauern ohne diese je so richtig auszubuchstabieren.


Am (vorläufigen) Ende dieser Analyse hatten sich bei mir die Eindrücke verfestigt:

  • „Präsenzlehre“ ist ein festes, für die Hochschullehre konstitutives Konstrukt, unabhängig vom aktuellen Diskurs. Dabei bewegt sich dieser Diskurs eher in einem Gewebe von Zuschreibungen und Negationen anstelle von Argumenten und Gegenargumenten.
  • Gleichzeitig ist die Präsenzlehre seltsam unterbestimmt und spielt immer dann eine Rolle, wenn sie (vermeintlich) gefährdet ist, „Unverzichtbarkeit“ ist leichter zu argumentieren als die „didaktisch und inhaltlich begründetet Sinngebung von Präsenz“ (Scheidig 20202Scheidig, Falk (2020) Digitale Transformation der Hochschullehre und der Diskurs über Präsenz in Lehrveranstaltungen. In: Bauer, R. et. al. (Hrsg.) (2020). Vom E-Learning zur Digitalisierung.– Mythen, Realitäten, Perspektiven. Münster etc.: Waxmann. Seite 243-259).
  • Die in Hochschul- und Mediendidaktik Tätigen sollten aber auch in Betracht ziehen, dass wir hier „blinde“ (wenigsten trübe) Flecken besitzen. Das Geschehen in der Lehrveranstaltung lässt sich nicht rückstandslos in „Ziel-Inhalt-Methode-Medium“ auflösen. Die in solchen didaktischen Modellen ebenfalls unausgesprochene, historische Verhaftetheit an die leiblich geteilte Lehrsituation ist für die „mediengestützte“ Lehre vielleicht noch zu wenig reflektiert worden.
  • Im guten Sinne ist dies ein gemeinsames Territorium der Lernenden und Lehrenden, ein Gestaltungs- und Spielraum in dem sich ihre Performanz im Zweifelsfall auch ungeregelt, spontan und ergebnisoffen entfalten kann.

Die Diskussion bleibt uns erhalten

Inzwischen wurde mit der Diskussion um die 2-G-Regelung für den Veranstaltungsbesuch ein neues Kapitel in der Präsenzdiskussion aufgeschlagen. Zwischen digitaler Lehre aufgrund juristischer Anordnung und argumentativen Zusammenrücken von Online-Lehre und psychischer Gefährungslage gedeihen ungesunde Verquasungen von digitaler Lehre mit Zwangsmaßnahmen . Auf mittlere Sicht werden aber auch die heraufziehenden Szenarien der Virtual bzw. Augmented Reality und erst recht die Anwendung Künstlicher Intelligenz in der Bildung neue Runden der Präsenzdiskussion anstossen.

Ein Präsenz-Hase

2021: Die Wiederkehr von Kapzitätsberechnung und Curricularnormwert (wg. Online-Lehre)

Im Jahr 2021 werden wir die Wiederkehr der Diskussion über Kapazitätsberechnung, Curricularnormwerte und Online-Lehre erleben.

Zum Jahresanfang ist es schöne Tradition, Vorhersagen zu treffen, bspw. „Bildung und Wissenschaft: Was wird 2021 wichtig?„, „The In-and-Out List, 2021“ oder „25 Ed Tech Predictions for 2021„. Prognosen beruhen auf Einschätzungen und Ableitungen daraus. Aber Herleitung und Prognose sind ein ungleiches Paar. Prognosen die eintreffen müssen nicht von den zugrundegelegte Faktoren verursacht werden, Prognosen die nicht eintreffen können aus ganz anderen Gründen ausbleiben. Weil es aber so schön ist, wenn man später „hab ich doch gesagt“ sagen kann, möchte ich hier eine Vorhersage machen. Sollte Sie eintreffen, dann kann ich ja auf diesen Post verweisen und rätseln, wie das gekommen ist. Also:

Wir werden im Jahr 2021 in den Hochschulen und Universitäten eine Diskussion über den Zusammenhang von digitaler Lehre, Kapazitäten und Curricularnormwerte (CNW) erleben.

Für diejenigen, die mit dem CNW noch nicht so vertraut sind:

Der CNW eines Studiengangs quantifiziert den Lehraufwand in SWS (Semesterwochenstunden) für einen Studierenden in seiner Regelstudienzeit. Mittels der Formel N = LK/CNW bestehend aus CNW und LK (Lehrkapazität) kann die Studienanfängerkapazität N pro Jahr errechnet werden.

Wikipedia: Curricularnormwert

Je höher also der CNW, desto besser der Betreuungsschlüssel. Daher haben musisch-künstlerische Studiengänge sehr hohe CNWs, Studiengänge in den große Lehrveranstaltungen (Vorlesungen) üblich sind, eher niedrige CNWs. Für Brandenburg kann man das z.B. hier nachlesen.

Die Kapazitätswirkungen von Online-Lehre wurden 2008 von Kleimann als gering bis nicht vorhanden eingeschätzt . Bekannt ist weiterhin, dass für die Umsetzung von anspruchsvollen integrierten Szenarien der personelle Aufwand mindestens ebenso hoch ist wie für ein Präsenz-Pendant (z.B. Ojstersek 2007:31).

In der Diskussion des E-Learnings und der Fach-Community besteht der weitgehende Konsens, das E-Learning kein Sparmodell sein kann. Allerdings war bisher die Online-Lehre aus der Sicht der Bildungs- und Wirtschaftpolitik wohl eher eine Randerscheinung. Die Post-Corona-Situation ist aber, dass wir eine Kombination von anhaltend hohen Studierendenzahlen, weniger Geld in den öffentlichen Kassen plus der Erfahrungen mit der Online-Lehre des letzten Jahres haben. Im Superwahljahr werden sich außerdem Politiker*innen aller Couleur bemüßigt fühlen etwas innovativ-problemlösend klingendes zu dem Thema zu ventilieren.

Ich bin also gespannt, in welchem Kopf sich die a) Suche nach Einsparungspotentialen, b) Druck durch hohe Studierendenzahlen und c) mißverstandenes digitales Lernen als erstes zusammenfinden und zur Wiederkehr der Kapazitätsdiskussion führen wird.

Zu langsam auf dem richtigen Weg

Zur Tagung „Digitalisierungspraktiken und Hochschulbildung – sind wir auf dem richtigen Weg?“ (27./28.07.19)

In der letzten Woche war ich zu Gast auf der Tagung Digitalisierungspraktiken und Hochschulbildung – sind wir auf dem richtigen Weg?, die im Rahmen des Projekts „Smart Teaching Baden-Württemberg“ in Zusammenarbeit mit e-teaching.org ausgerichtet wurde. Neben einer Reihe von Beiträgen und Workshopthemen, die wohltuend über das schon vielfach Gesagte zum Thema hinausgingen, war für mich die abschließende Podiums- und Publikumsdiskussion ein Aha-Erlebnis. Das lag nicht nur an dem mir aus dem Herzen gesprochenen konsensualem Fazit „Wir sind auf dem richtigen Weg – nur die Geschwindigkeit stimmt nicht“ sondern an der lebhaft diskutierten Frage, wie die Lehrenden als zentrale Akteure beschleunigt auf den Weg gerbracht werden könnten.

„Zu langsam auf dem richtigen Weg“ weiterlesen

Der Digitalpakt wird (wahrscheinlich) kommen und scheitern – in den Ländern

Die Länder scheinen sich beim Digitalpakt durchzusetzen – der Digitalisierung der Bildung wird es aber wahrscheinlich nichts nutzen.

Die Meldungen der letzten Tage in Sachen Digitalpakt klingen mal optimistisch „…zuversichtlich, dass das Geld schnell an die Schulen kommt…“, mal weniger optimistisch „Lösungen erkennbar“ aber auch nach anhaltenden machtpolitischen Poker „Vereinbart ist noch gar nichts“. Der dahinter stehende Vorgang ist, dass aus der Arbeitsgruppe des Vermittlungsausschuss zum Digitalpakt ein Papier lanciert wurde, das laut Süddeutscher einen Arbeitsstand darstellt. Demnach sieht der Kompromiss ungefähr so aus:

„Der Digitalpakt wird (wahrscheinlich) kommen und scheitern – in den Ländern“ weiterlesen

Jahrestagung 2019: „Teilhabe an Bildung und Wissenschaft.“ Beitragseinreichung ab sofort möglich.

Reminder: Für der Tagung ist die Einreichung von Workshops und Tutorials bis 17.02.2019 möglich, die Einreichung aller anderen Beitragsformate bis 17.03.2019

Von 16. bis 19.09.2019 findet die gemeinsame Tagung der Gesellschaft für Medien in den Wissenschaften e.V. und der Fachgruppe E-Learning der Gesellschaft für Informatik e.V. in Berlin statt. Die Tagung steht im Jahr 2019 unter dem Tagungsmotto „Teilhabe an Bildung und Wissenschaft“. Diese umfasst den Abbau von Zugangshürden, die partizipative Entwicklung von Inhalten oder die Förderung aktiver Teilnahme durch adaptive und personalisierbare Medien. In der Tagung soll der Blick gleichzeitig auf Bildung und Wissenschaft gerichtet werden: hier ermöglichen Medien und Technologien neue Formen von Kollaboration, Integration, Wissenschaftskommunikation sowie neue Verbindungen von Forschung, Lehre und Publikation.

Forschende aus allen Fachdisziplinen sind aufgerufen, Ihre Beiträge und Ergebnisse einzureichen und dem Fachpublikum zur Diskussion vorzustellen.
Die Einreichung von Beiträgen ist ab sofort möglich: http://delfi2019.de/submission/

Beiträge für Workshops oder Tutorials können noch bis zum 17.02.2019 eingereicht werden. Einreichung von Langbeiträgen, Kurzbeiträgen, Positionspapieren, Praxisbeiträgen und Beiträgen für das Doktorandenkolloquium können noch bis 17.03.2019 eingereicht werden.

Wir freuen uns auf Ihre Einreichungen!

Weitere Informationen:

http://gmw2019.de

In den Ländern werden Lehrer*innen für die digitale Bildung weitergebildet? Echt?

„In den Ländern bereite man sich bereits auf die weitere Digitalisierung der Schulen vor – etwa durch Lehrerfortbildung, so die Ministerin.“ – wo passiert da was? Aus Brandenburg habe ich so was noch nicht gehört, die sind hier erst mal damit beschäftigt überhaupt mehr Lehrer*innen ausbilden zu können…

www.news4teachers.de/2019/01/digitalpakt-im-vermittlungsausschuss-soeder-glaubt-nicht-an-eine-schnelle-einigung/

„Digitalpakt“ egal wie – aber was eigentlich?

Wenn ich das richtig verstehe wird ab gestern heute abend verhandelt? Und wenn ich das weiterhin richtig verstanden habe, dann geht es den Verhandler*innen vor allem um die Causa „Grundgesetzänderung“? – Schön! – aber: Wofür die Digitalpakt-Gelder denn dann ausgegeben werden sollen scheint in einer Verwaltungsvereinbarung zu stehen. Kennen wir die?

„Dem Vernehmen nach wollen sie einen einmaligen, auf fünf Milliarden Euro begrenzten Transfer von Steuermitteln über die Umsatzsteuer zugunsten der Länder, und im Gegenzug gehen die Kultusministerien eine Berichtspflicht gegenüber dem Bund ein. Sie sollen nachweisen, dass sie die Gelder auch entlang der ausgehandelten Digitalpakt-Ziele einsetzen. Diese Ziele hatten Kultusministerien und Bundesbildungsministerium im November in eine – allerdings nicht mehr formell unterzeichnete Verwaltungsvereinbarung gegossen.

www.jmwiarda.de/2019/01/30/ab-top-4-wird-es-ernst/

EuroportfolioDE+AT: E-Portfolios an Schulen. – Einblicke in die E-Portfolio-Arbeit in Schulen

Die Aufzeichnung ist online!

Die Aufzeichnung des Webinars ist über den folgenden Link erreichbar: https://medienbildung.adobeconnect.com/p89g7fdoqpz/
Über Kapitelmarken kann man direkt zu den einzelnen Vortragsteilen springen.